von Bettina Knauth
20. Oktober 1942: Vor El Alamein rüsten sich die Truppen der Alliierten und der Achsen-mächte zum Gefecht. Drei Tage später beginnt die entscheidende Schlacht um Nordafrika.
20. Oktober 2002: Mit mehreren Feierstunden erinnern am Afrikafeldzug beteiligten Nationen an die Schlacht von El Alamein. Neben der Commonwealth-Gedenkfeier am Vortag und der deutschen Feierstunde am frühen Vormittag steht die internationale Gedenkveranstaltung im Mittelpunkt des Interesses. Da sie in diesem Jahr turnusgemäß von der italienischen Botschaft ausgerichtet wird, sind insbesondere aus Italien prominente Gäste angereist, allen voran der italienische Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi. Auch der Herzog von Kent und eine hochrangige neuseeländische Delegation nehmen teil. Gemeinsam ehren die Anwesenden die Gefallenen, gedenken der Opfer und bekunden ihren Wunsch nach einem friedlichen Zusammenleben der Völker.
Vor 60 Jahren standen sich an dieser Stelle mehr als 300 000 Soldaten gegenüber. Engländer, Italiener, Deutsche, Neuseeländer, Südafrikaner, Inder, Franzosen, Amerikaner, Australier, Griechen, Polen. Sie kämpften um jeden Quadratmeter Wüste, um jede Sanddüne - und waren dabei schutzlos Wind, Hitze und Kälte ausgesetzt. Auch das Gelände bot keinen Schutz, weder vor den harten Wetterbedingungen noch vor den Kampfhandlungen. Wie erbittert die Materialschlacht tobte, zeigen folgende Zahlen: Von den 550 Panzern der deutsch-italienischen Verbände und 1200 gegnerischen Panzern zu Beginn der britischen Offensive waren danach noch 30 bzw. 600 Panzer übrig.
Bis heute kennt niemand die genaue Zahl der Gefallenen. Ursprünglich standen vor El Alamein 230.000 britische und Commonwealth-Truppen knapp 100.000 deutschen und italienischen Soldaten gegenüber. Allein in den Grabstätten der Deutschen, Italiener und der Commonwealth-Staaten sind über 16 000 Soldaten beigesetzt. Rund 20.000 Deutsche wurden getötet oder verwundet, 30.000 gerieten in Gefangenschaft; 13.500 Tote zählte man auf Seiten der britischen und Commonwealth-Truppen. Ingesamt fielen auf beiden Seiten in Afrika über 85.000 Soldaten. .
Die deutsche Gedenkfeier
Der 20. Oktober 2002 beginnt um 10 Uhr mit der nationalen Feier im deutschen Ehrenmal. Erstmals wird gleichzeitig der Volkstrauertag begannen. Unter den ca. 300 Anwesenden befinden sich je eine Reisegruppe des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge (VdK) und des Deutschen Afrikakorps e.V. Insgesamt haben gut 35 deutsche Veteranen den Weg zurück nach El Alamein gefunden. Zuvor besuchten die Reisegruppen weitere Schauplätze des Afrikafeldzuges, in Tobruk, am Sollumpass sowie "Rommels Hideout", die Höhle, in der sein Stab arbeitete. Bei Treffen mit australischen, neuseeländischen und britischen Kameraden wurden Erlebnisse von damals ausgetauscht.
Pfarrer Joachim Schroedel von der katholischen Markusgemeinde in Kairo eröffnete die Feierstunde mit einer geistlichen Ansprache. Weil seine Worte wegen ihres aktuellen Bezugs große Beachtung und Zustimmung unter den Anwesenden fanden, hier einige Auszüge: "Wir leben heute in einer Region, auf die die Augen aller Welt gerichtet sind. In einer Region, die Fragen und Probleme ihr Eigen nennt, wie keine andere Region auf dieser Erde. Gerechtigkeit der Verteilung des bewohnbaren Landes, Zuteilung der nutzbaren Energien dieser Welt, Wasserbedürfnisse und Wasserrechte - dies alles geht einher mit zum Teil aus anderen Ländern dieser Welt hineingetragenen und vielleicht auch nur vermeintlichen Problemen. Heute sind es nicht die Heere eines europäischen Möchtegern-Weltherrschers, die alle Welt herausfordert. Europa will aus der Lehre des zweiten Weltkrieges und eben auch aus der Lehre des Afrikafeldzuges gelernt haben." Schrödel rief dazu auf, mutig für den Frieden einzustehen und Feindschaft abzubauen statt an Feindbildern mitzubauen. Nur durch die Anerkennung der Lebens- und Freiheitsrechte des Anderen können Frieden entstehen. "Und auch gegen alle Aufrufe zur Rache und zur pauschalen Vernichtung aus Sicherheitsgründen kann der Christ ...nicht anders als ... Bereitschaft zur Versöhnung signalisieren, und diese Versöhnung auch tun." Er fuhr fort: "Das Richten über Gut und Böse wird Gott zu überlassen sein. Bei ihm gibt es keine Verurteilung auf ewig, keine Vernichtung jetzt und gleich, sondern immer und immer wieder die Chance eines neuen Anfangs ... Alles andere ist: Sich aufschwingen und wie Gott werden wollen. Und das kann eben, um Gottes Willen, nicht sein! Die Toten der Schlacht von El Alamein rufen uns zu: Reicht einander die Hand zur Versöhnung!"
Nach Musikdarbietungen des Chores der DSB Alexandria legten der deutsche Botschafter
Paul Freiherr von Maltzahn und der österreichische Botschafter Dr. Ferdinand
Trauttmansdorf und Vertreter der Kriegsgräberfürsorge-Organisationen
beider Länder Kränze nieder. Freiherr von Maltzahn hätte sich,
so machte er in seinen Gedenkworten deutlich, eine stärkere Anteilnahme
von offizieller Seite gewünscht. Er beklagte, dass "Traditionspflege
keine Stärke der Deutschen" sei. VdK-Ehrenpräsident Richard Wagner
nannte El Alamein eine "Stätte des bitteren Sterbens vieler Völker"
und stellte ebenso wie sein Kollege Peter Rieser vom österreichischen Schwarzen
Kreuz die Frage nach dem Warum. Sehr bewegend war der Moment, als zwei Veteranen
im Namen der Überlebenden mit den Worten: "Wir verneigen uns vor unseren
toten Kameraden, die ihre Heimat nicht wieder sehen durften" einen Kranz
niederlegten.
Rolf Munninger, Gefechtsschreiber von Feldmarschall Erwin Rommel, wandte sich
mit einem Grußwort von Rommels Sohn Manfred an die Anwesenden. Der frühere
Stuttgarter Bürgermeister hatte aus gesundheitlichen Gründen nicht
nach Ägypten reisen können. Manfred Rommel erinnerte an den Folgen
des Kriegsausgangs: "Die Italiener und wir Deutsche sind besiegt worden.
Was auch immer damals geglaubt und gedacht wurde, es ist heute klar, dass das
Reich Hitlers untergehen musste. Ein Sieg Hitlers hätte weiteres unsägliches
Elend über die Menschheit gebracht. Dies hier auszusprechen setzt die deutschen
und italienischen Gefallenen nicht herab. Im Gegenteil: Es besteht eine tiefe
Kluft zwischen dem Soldaten, der sein Leben einsetzt und einer Diktatur, die
seinen Einsatz missbraucht für Zwecke, die er ohne Täuschung durch
Propaganda nicht akzeptiert hätte."
Mit dem "Lied vom guten Kameraden", einer Schweigeminute und der Nationalhymne ging eine würdevolle Feierstunde zu Ende.
Die internationale Gedenkfeier
Die Gedenkfeierlichkeiten setzten sich am italienischen Ehrenmal fort, wo bereits Hunderte von Gästen aus dem Aus- und Inland warteten. Nachdem auch der Ehrengast, Italiens Staatspräsident Ciampi, eingetroffen war, konnte die internationale Zeremonie endlich beginnen. Vertreter von Kirchen der beteiligten Nationen erinnerten an die Opfer und riefen dazu auf, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Pfarrer Schrödel bezog als Vertreter der deutschen Kirchen auch die Ägypter mit ein. Sie hätten ebenfalls gelitten und könnten uns mit ihrem starken Glauben an den einen Gott Allah heute helfen zu verstehen, wie wir Frieden mit anderen Ländern gleichen Glaubens schließen können. Der italienische Staatspräsident, Jahrgang 1920 und selbst Kriegsteilnehmer, richtete seine Worte besonders an die über 150 anwesenden Veteranen. Die Welt habe sich in den vergangenen sechzig Jahren radikal verändert. Und es sei die Kriegsgeneration gewesen, die sie verändert habe, so Ciampi: "Wir, die wir nach Hause zurück kehrten, schworen uns von Herzen: Nie wieder werden wir gegeneinander in den Krieg ziehen!" Die Generationen, die nie Krieg gekannt hätten, müssten sich des Wertes der Freiheit und der Demokratie bewusst sein, die für sie erkämpft wurden. Und sie müssten diese Werte verteidigen, mit dem gleichen Mut und der gleichen Hingabe, über den die Soldaten damals verfügt hätten.
Viele der Kriegsteilnehmer waren nicht zum ersten Mal hier. Angesichts ihres
hohen Alters muss aber befürchtet werden, dass es die letzte große
Gedenkfeier in El Alamein war, an der sich auch viele der Überlebenden
aktiv beteiligen konnten.
Was aber ging wirklich vor in diesen entscheidenden Tagen von El Alamein? Es
folgt eine kurze Abhandlung des militärischen Geschehens.
Die Schlachten von El Alamein
von Dr. Reinhard Stumpf
Getragen von der Euphorie über den raschen Sieg bei Tobruk am 21. Juni 1942 erreichte die deutsch-italienische "Panzerarmee Afrika" am 30. Juni die britischen Stellungen vor El Alamein. Generaloberst Rommel hatte sie, nach der Rückeroberung der Cyrenaika, über die Grenze Richtung Nildelta geführt. Als sein letztes Hindernis auf dem Weg nach Alexandria war nun die Enge bei El Alamein zu überwinden. Da sie nicht südlich um-gangen werden konnte blieb nur der Versuch, frontal die Enge und die Stellungen der britischen 8. Armee zu durchstoßen, zu der auch neuseeländische, südafrikanische und indische Truppen gehörten.
Rommel hoffte, die noch nicht besonders stark ausgebauten britischen Stellungen aus der Bewegung heraus durchstoßen zu können. Dieses Vorhaben misslang in der ersten Schlacht um El Alamein (1. bis 4. Juli 1942) vor allem deshalb, weil die britische Funkaufklärung inzwischen Meldungen des deutschen Armeekommandos binnen zwölf Stunden entschlüsseln und darauf operativ reagieren konnte. So scheiterte Rommels Idee, durch eine rasche Schwenkbewegung nach Norden den Gegner zu täuschen. Nachdem das Afrikakorps nach Nordosten geschwenkt war, setzte Rommels Widerpart, der briti-sche Oberbefehlshaber Auchinleck, nun alle Kräfte zum Gegenangriff auf die Südflanke des Afrikakorps an, die vom italienischen XX. Armeekorps abgeschirmt wurde. Das panische Zurückweichen der italienischen Truppen veranlasste Rommel, die Offensive abzubrechen und zur Verteidigung über zu gehen.
In der zweiten Schlacht um El Alamein (30. August bis 4. September) hatte Rommel zwar nach längerem Abwarten notdürftige Verstärkungen erhalten, die entscheidenden Vorteile seiner bisherigen Kampfführung - Beweglichkeit, Abstimmung der Operation auf den Nachschub und Luftunterstützung - fielen jedoch weg.
Rommels Plan für die Schlacht, wieder dem Gegner vorher bekannt, sah diesmal vor, den Feind mit den motorisierten Verbänden als "Hammer" südlich zu umgehen und einzukesseln, während die Infanterieverbände als "Amboss" die Stellungen im Norden halten sollten. Erneut gelang es der britischen achten Armee, inzwischen unter dem Oberbefehl General Montgomerys, den Plan zu vereiteln. Rommel war gezwungen seinen Plan zu ändern und früher als geplant nach Norden zur Küste vorzustoßen. Dadurch gereichten ihm seine früheren Vorteile zum Nachteil: Zum einen war die Luftunterstützung nicht mehr stark genug. Die Royal Air Force konnte so die angreifenden Panzer attackieren und ihren Vormarsch entscheidend behindern. Weiter schränkt Treibstoffmangel die Beweglichkeit der Truppen Rommels ein. Schließlich verfügte die britische 8. Armee inzwischen über eine deutliche qualitative und quantitative Panzerüberlegenheit. Rommel musste die Schlacht erneut abbrechen.
Nachdem am 30. September der "Stern von Afrika", der Jagdflieger Jochen Marsaille, abgestürzt war, begann auch Rommels Glücksstern in der dritten Schlacht um El Alamein (23. Oktober bis 4. November) zu sinken. Die zweite Schlacht hatte seine Ressourcen aufgebraucht, während der britische Nachschub das Kräfteverhältnis zusehends verschob: Rund 200 deutschen und 300 italienischen Panzern standen 1000 britische gegenüber. Die britische Munitionsüberlegenheit schätzte Rommel, der sich zu Angriffsbeginn auf Krankheitsurlaub in der Heimat befand, auf 500:1. Und den 1000 Einsätzen der Royal Air Force am 24. Oktober standen nur 107 der deutschen Luftwaffe gegenüber.
Für die Deutschen überraschend übernahm Montgomery die Initiative und ging am Abend des 23. Oktober zum Gegenangriff über. Vorbereitet durch das Feuer aus mehr als 1000 Geschützrohren auf die deutsch-italienischen Stellungen und ihre Minenfelder sowie unterstützt durch die Bomberverbände der RAF versuchten die Briten die Stellungen im Norden und Süden zu durchbrechen. Bei diesen Kämpfen fiel der Vertreter Rommels, General Stumme. Den Briten gelang ein Einbruch aber nur im Norden. Montgomery ging nochmals zur Defensive über, versuchte aber durch örtliche Gefechte den Gegner weiter zu schwächen.
Am Abend des 25. Oktober traf Rommel, der seine Kur abgebrochen hatte, wieder in seinem Gefechtsstand ein. Es war ein verlustreicher Tag, die 15. deutsche Panzerdivision etwa verlor drei viertel ihres Panzerbestandes. Rommel gehorchte der Not und verlagerte den Schwerpunkt nach Norden, wo er den Hauptstoß des zweiten britischen Großangriffs vermutete. Im Süden verblieben nur die unbeweglichen italienischen Infanterieeinheiten.
Wieder entschied die britische Funkaufklärung das Gefecht: Durch verstärkten Funkver-kehr im Norden täuschte das britische Oberkommando den Gegner über seine wirklichen Angriffsabsichten, die im Süden lagen. Um die deutschen Divisionen im Norden von den italienischen im Süden zu trennen sollte direkt nach Westen angegriffen werden. Doch bis zum 31. Oktober wiederholte sich der zermürbende Rhythmus der vorangegangenen Tage: Nach Trommelfeuer und Bombenabwürfen trat die 8. Armee mit Panzern und Infanterie nur zu kleineren Angriffen an, ohne wirklich durchstoßen zu wollen.
In der Nacht vom 1. zum 2. November begann der Großangriff der 8. Armee, das Unternehmen "Supercharge": Nach dreistündiger Vorbereitung durch Bomber und Artilleriefeuer gingen auf einer schmalen Frontbreite von 3,5 Kilometern die Briten zum Angriff über. Durch den entstandenen Korridor ergossen sich 400 britische Panzer, denen lediglich 35 des Afrikakorps gegenüber standen. Nur unter Zusammenfassung der letzten Artillerie- und Flakeinheiten konnte der Durchbruch vorerst abgeriegelt werden.
Nun befahl Rommel den Rückzug der unmotorisierten Verbände in eine neue Stellung, die er 100 km westlich von El Alamein hatte vorbereiten lassen. Da erreichte ihn ein Befehl Hitlers, dessen letzter Satz lautete: "Ihrer Truppe können Sie keinen anderen Weg zeigen als den zum Sieg oder zum Tode." Darauf hin befahl Rommel in der Nacht zum 4. November die Einstellung der bereits eingeleiteten Absetzbewegungen. Dieser sinnlose Haltebefehl konnte aber nur eine teure, verlustreiche Entscheidung werden. Bereits am Abend hatte die britische 8. Armee durch die Angriffe im Mittelabschnitt und an der Südfront das XX. italienische Korps, bestehend aus vier Divisionen, vernichtet. Damit war die Front im Süden auf einer Breite von 20 Kilometern zusammen gebrochen, der 8. Armee eröffnete sich der Weg nach Westen. Eigenmächtig gab Rommel nun den endgültigen Befehl zum Rückzug, dieser konnte jedoch nur noch die motorisierten Truppen retten. Die Panzerarmee Afrika hatte in der elftägigen Schlacht die unmotorisierte italienische Infanterie, viele Fahrzeuge, Panzer und Geschütze verloren - ein Aderlass, der nicht mehr ausgeglichen werden konnte.
El Alamein wurde zum Wendepunkt auf dem afrikanischen Kriegsschauplatz; die strategische Initiative war vollends auf den Gegner übergegangen. Die in Bezug auf Ausrüstung, Munition und Luftunterstützung deutlich unterlegenen deutschen Truppen hatten keine Möglichkeit zu entscheidendem Widerstand. Unter diesen Umständen war es eine große operative Leistung Rommels, seine Panzerarmee vor der Vernichtung gerettet zu haben. Gleichwohl war der Krieg in Afrika nach El Alamein entschieden.