West-östlicher Diwan - ein Austauschprojekt macht in Kairo Station
von Michaela Grom
"West-östlicher Diwan" - Altmeister Goethe stiftete posthum das Motto für einen äußerst bemerkenswerten Kulturaustausch, den das Wissenschaftskolleg zu Berlin zusammen mit anderen Einrichtungen der Kultur- und Literaturvermittlung in Deutschland sowie den jeweiligen Goethe-Instituten durchführt.
Bei Goethe steht der "Diwan" für eine Begegnung von Osten und Westen, für die Begegnung zweier Kulturen und zweier Literaturen. Goethes Konzept ist das Konzept einer Welt-Literatur, in der über die nationalen Eigenheiten hinaus ein Allgemein-Menschliches zum Ausdruck kommen soll. Für die damalige Zeit war dieser Denkansatz durchaus fortschrittlich-visionär - allerdings verstand Goethe "die Weltliteratur" ganz im klassischen Sinne als unverbrüchlichen Kanon ausgewählter, geradezu exemplarischer Werke.
Ganz so streng (und eng) mag man das Konzept Weltliteratur heute nicht mehr verstanden wissen beim Austauschprojekt "West-östlicher Diwan". Und während Goethes Begegnung allein im Geist des Dichters stattfinden konnte (500 Jahre lagen zwischen ihm und Hafiz, dem Dichter, den er am meisten schätzte), soll diesmal die Begegnung im unmittelbaren Austausch bestehen. Der Grundgedanke: Deutsche Schriftsteller treffen Kollegen in arabischen Ländern, in der Türkei oder im Iran. Eines der Auswahlkriterien bei der Suche nach geeigneten Kandidaten soll literarisches Engagement sein, das geprägt ist durch vitalen Austausch mit den Literaturen der Welt.
Die ersten Teilnehmer des "Diwan"-Projekts waren zum Ende des vergangenen und zu Beginn diesen Jahres der libanesische Lyriker Abbas Beydoun und der deutsche Schriftsteller Michael Kleeberg. Die nächste Begegnung fand in Kairo statt und soll in Berlin fortgesetzt werden: Im März war die Schriftstellerin Marica Bodrozic in Kairo und hat hier ihre ägyptische Kollegin Miral al-Tahawi getroffen.
Der literarische Brückenschlag Deutschland-Ägypten hatte zunächst kleine Hindernisse: Während von Miral al-Tahawi zumindest zwei Romane ("Das Zelt"; "Die blaue Aubergine") auf Deutsch erschienen sind, hat Marica Bodrozics Erzählband "Tito ist tot" noch nicht den Weg ins Arabische gefunden. Erst eine Übersetzung des Goethe-Instituts Kairo machte hier den Zugang und das gegenseitige Kennenlernen möglich.
Marica Bodrozic wurde 1973 in Dalmatien geboren. Dort verbrachte sie ihre Kindheit - zumeist unter der Obhut des Großvaters, die Eltern lebten zu dieser Zeit schon in Deutschland. 1983, drei Jahre nach dem Tod Titos, folgte Marica Bodrozic ihren Eltern in die neue Heimat. Früh schon hat sie mit dem Schreiben angefangen, Gedichte zunächst, dann kleinere Prosastücke. Ihr erstes Buch, "Tito ist tot", beinhaltet 24 Erzählungen - Geschichten aus und über das Dalmatien ihrer Kindheit. Der Blick ist staunend, wirkt fast kindlich, unschuldig. Hier wird nicht behauptet zu wissen, wie die Weltläufte sind und wie die Menschen.
Ihr Blick ist kein Blick zurück in vordergründiger Betroffenheit auf Krieg und Vertreibung, auf Ausgrenzung und Ungerechtigkeit. Hier wird keine Gesamtschau versucht, die der Text nicht einlösen könnte. Bodrozic´ Kunst ist eine Kunst der leisen Töne. Die Bilder, die sie mit Sprache malt, sind poetisch, sanft - und von einer Genauigkeit und Präzision, die den Leser trifft. Aber aus kleinen Beobachtungen, die sich aneinander reihen, entstehen Bilder von großer Eindrücklichkeit.
In der Erzählung vom Lilienliebhaber zum Beispiel, der auf seinem Feld keine Kartoffeln oder Bohnen wachsen lässt, sondern Lilien in allen Farben. Er will die Blumen nicht verkaufen, will keinen Gewinn damit machen, sondern sie einfach nur anschauen. Sein Antrieb ist die Liebe zum Schönen, ohne den Hintergedanken irgendeiner Nutzbarmachung. Als der Mann schwer krank wird und schließlich stirbt, entlädt sich der lange aufgestaute Missmut der Dorfbewohner, der Hass auf seine "Andersheit" in blinder Zerstörungswut.
Miral al-Tahawi wurde 1968 in Sharqiya geboren und wuchs in einer Beduinenfamilie auf. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft arbeitete sie als Lehrbeauftragte an der Kairoer Universität. Sie hat bislang eine Kurzgeschichtensammlung und drei Romane geschrieben und gilt als eine der bekanntesten Nachwuchsautorinnen der arabischen Welt.
Ihr Schreiben hat sie selbst als "Autobiographie der eigenen Seele" bezeichnet. Ihr Roman "Das Zelt" spielt vorwiegend im geschlossenen Raum der Frauen - im Hof einer Familie sesshaft gewordener Beduinen. Der Vater ist nur selten anwesend, zu gerne hätte Fatima, die junge Protagonistin des Buches, etwas mehr von seiner Aufmerksamkeit, zu gerne würde sie mit ihm hinausreiten in die unbekannte Welt. Doch dieser Vater kommt und geht wie es seine Geschäfte verlangen, das Mädchen bleibt im ummauerten Hof-Raum, zusammen mit einer zänkischen Großmutter und der immer verzweifelteren Mutter, deren Makel es ist, dass sie keine männlichen Nachkommen gebiert. Fatima möchte ausbrechen aus dieser Enge - aber als die Europäerin Anne ihr anbietet, sie zu sich zu nehmen, bemerkt Fatima, dass ihr das unmöglich ist. Der Wunsch nach Freiheit, nach Ausbrechen aus der Enge einerseits und die enge Bindung an die Welt der Familie und der Tradition andererseits drohen das Mädchen zu zerreißen. Eindrücklich stellt al-Tahawi in diesem Buch die beduinische Lebenswelt dar, ohne Klischees und folkloristische Buntheit. Motive aus traditionellen Geschichten und Liedern fließen in den Roman ein, in dem Wirklichkeit und Phantastisch-Symbolisches untrennbar ineinander verwoben sind.
"Die blaue Aubergine" spielt im studentischen Milieu. Der Roman ist Miral al-Tahawis Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Zeit als Studentin - Jahren, in denen sie Anschluss zu islamistischen Kreisen fand, den Schleier trug und auf Demonstrationen Parolen rief wie "Der Islam ist die Lösung!". Die zwei jungen Frauen, die im Mittelpunkt des Romans stehen, verkörpern durchaus zwei Prototypen einer Generation: Die eine begehrt auf bricht mit Tabus - und wird letztlich von den "Mitbrüdern" ausgenutzt und verachtet. Die andere nennt sich selbst "die Aubergine", sie verbirgt sich mehr und mehr unter immer dichter werdenden Schleiern und füllt die Leere, welche uneingelöste Sehnsüchte, unausgesprochene Gefühle und Wünsche hinterlassen, mit den Buchstaben der Religion. Für al-Tahawi war diese literarische Auseinandersetzung, wie sie selbst sagt, ein wichtiger und schmerzlicher Ablösungsprozess. Heute will sie allen Versprechungen ausweichen und "nur noch leben und schreiben". Ihr dritter Roman "Gazellenspur", die Rekonstruktion eines Frauenlebens, soll bald ins Deutsche übersetzt werden.
Die Lesungen im Goethe-Institut und in der Buchhandlung "Diwan" waren insgesamt gut besucht, die - simultan übersetzte - Diskussion im Anschluss lebhaft und fruchtbar.
Wer die Texte der beiden Schriftstellerinnen liest, bemerkt schon bald eine frappierende literarische Verwandtschaft. Charakteristisch für beide Autorinnen ist eine Gegenwärtigkeit des Seins und der Bilder, die direkt berührt. Gemeinsam ist beiden Autorinnen auch die akribische Beschreibung der Enge und Aggressivität einer geschlossenen Gemeinschaft, sei es das dalmatinische Dorf oder die beduinische Familie.
Unüberhörbar ist denn auch im Gespräch die gegenseitige Wertschätzung der beiden Schriftstellerinnen. Viel habe man diskutiert in diesen Tagen der Begegnung, viel über Wahrnehmung und Ausdrucksmittel nachgedacht, erzählt Marica Bodrozic. Sehr schön sei es gewesen zu entdecken, dass die Bildwelten bei aller regional und kulturell geprägten Verschiedenheit doch gewisse Ähnlichkeiten und Parallelen aufweisen. "Die Landschaft ist für mich wichtig beim Erzählen", sagt Marica Bodrozic, "die Landschaft und die Bäume. Der Blick hinaus ins unbekannte Weite, der dann an Baumwipfeln hängen bleibt... Bei mir sind es immer Laubbäume, die ich mir vorstelle. Laubbäume vor einem blauen Himmel. - Bei Miral sind es Palmen, immer wieder Palmen, die sich im Wind bewegen, die den Blick einfangen."
Marica Bodrozic schätzt an den Texten ihrer Kollegin die Ursprünglichkeit
der Bilder, gefasst in eine knappe Sprache, in "kurze, schöne, lakonische
Sätze", wie sie es ausdrückt. Miral al-Tahawi antwortet in ganz
ähnlicher Weise. Ja, die Bilder, so erzählt sie, die Bildwelten haben
sie sehr beeindruckt und berührt. - Und bei solchen Aussagen hat sich niemand
abgesprochen, das ist keine Vorzeige-Harmonie für die Medien. Es ist ein
geglücktes und von der auswählenden Jury klug gewähltes Zusammentreffen.
Hier sind zwei Schriftstellerinnen zusammen gekommen, die nach einer eigenen
Sprache suchen, um die Welt in Worte zu bringen ohne sie voreilig zu erklären
- "Sprechzaubereien", wie es in einer Erzählung von Marica Bodrozic
einmal heißt.
Die Besucherin, die derzeit vor allem in Paris lebt, ist überwältigt
von der Fülle der Eindrücke in der Megalopolis Kairo. Sie hat viele
Menschen kennen gelernt, war bei Miral al-Tahawis Familie eingeladen. Und sie
war auch "einfach so" unterwegs, wie sie sagt. "Die Farben, die
Gerüche - nicht immer nur angenehme -, die Geräusche, all das stürmte
hier in Kairo in einer überwältigenden Fülle auf mich ein",
erzählt sie. "Vieles muss sich erst einmal setzen, wird erst in Europa
wieder zum Vorschein kommen."
Zum Zeitpunkt der ersten Lesung hatte sie ihr Notizbuch bereits vollgeschrieben. Und, erstaunlicherweise, mitten im Lärm und Geräusch der Stadt hat Marica Bodrozic etwas Kostbares wieder entdeckt: die Stille. Zum ersten Mal seit längerer Zeit habe sie hier wieder Gedichte geschrieben, erzählt sie und scheint fast selbst ein bisschen erstaunt darüber. Für den Deutschland-Besuch ihrer Kollegin, die ihr mit viel Liebe "ihr" Ägypten erschlossen hat, hegt Bodrozic schon so einige Pläne. Kontakte zu anderen Schriftstellern will sie herstellen, zu bildenden Künstlern, Kulturschaffenden. Und eines wird sie auf jeden Fall tun: Sie wird Miral die Bäume zeigen. Ihre Bäume. Laubbäume.
Literaturangaben:
Marica Bodrozic: Tito ist tot Miral al-Tahawi: Das Zelt;
Frankfurt/M.: Suhrkamp 2002 Zürich: Unionsverlag 2001
Die blaue Aubergine
Zürich: Unionsverlag 2002
(aus dem Arabischen von Doris Kilias)