Ein Stück Ägypten... auf Kieler Bühne

von Angelika Anders-Lauck

"Wenn du nicht nach Ägypten fliegst, kommt Ägypten zu dir." So erging es mir, nachdem meine Entscheidung gefallen war, während unserer Frühjahrsferien nicht nach Kairo zu fliegen. Gerade da fiel mir das diesjährige Programm des Internationalen Monodrama Festivals Kiel in die Hände.

Zum dritten Mal sollte "Thespis", benannt nach dem griechischen Tragödienschreiber und Wanderbühnenerfinder, in der Landeshauptstadt Schleswig-Holsteins stattfinden.

Vom 2. bis 9. März 2003 hatte man die Gelegenheit Theater zu erleben, wie es an anderen Plätzen der Ende gemacht wird. Neben Beiträgen aus Polen, Moldawien, Russland, Aserbaidschan, Litauen, Frankreich, Österreich, Griechenland, den USA und Japan fand ich im Programm auch ein Theaterstück aus Ägypten:

"Insaan Al Tabi'a " "Naturmensch" oder "Man of Nature", eine Produktion des Talia Theaters, Kairo. Der Autor, Regisseur und Schauspieler Hany Ghanem begann seine Theaterkarriere, während er am Goethe Institut in Kairo Deutsch lernte.
Sein Debüt hatte Hany Ghanem mit "Man of Nature" beim 9th Cairo International Experimental Theatre Festival 1997. Seitdem zählt er zu den erfolgreichsten Bühnenkünstlern des Nahen Ostens.

In seiner mittlerweile dritten szenischen Auseinandersetzung mit dem Kaspar-Hauser-Mythos kombiniert der Theatermacher, der inzwischen in Berlin und Kairo lebt, Fragmente der "Epistel des Hayy Ibn Yaqzan" des aus Andalusien stammenden arabischen Philosophen Ibn Tufayl aus dem 12. Jahrhundert und Peter Handkes 1968 erschienenem Stück "Kaspar".

Ibn Tufayls Erzählung handelt von einem Mann, der in der Wüste von einem Hirsch erzogen wurde. Nach dem Tod des Hirsches findet er sich in einer Gesellschaft wieder, deren Gesetze er nicht versteht. Er versucht mit seinen eigenen menschlichen Voraussetzungen, die auf seinen philosophischen Entdeckungen während langer Meditation in der Wüste basieren, ein Teil der Gesellschaft zu werden. Er predigt Fleiß und Respekt gegenüber jedem Menschen und wird am Ende wegen seiner revolutionären und antireligiösen Gedanken ermordet. In einer ähnlichen Art und Weise bemüht sich Handkes Kaspar, ein Junge, der von Wölfen aufgezogen wurde, in die Gesellschaft aufgenommen zu werden, er endet aber in der Psychiatrie, nachdem er von Wissenschaftlern benutzt und missbraucht wurde.

Ghanem entwirft anhand dieser szenischen Biografie eines Naturmenschen, von seiner Entdeckung in der Wildnis bis zu seiner Einkleidung für ein Abendmahl im aristokratischen Stil, seine persönliche Kritik am Menschenkäfig mit all seinen Umformungs- und Zwangsstrategien.

Das Bühnenbild: Auf der Bühne sind 13 Teller und 13 brennende Kerzen zu sehen, die gleich zu Beginn gelöscht werden. Auf eine Leinwand im Hintergrund der Bühne wird ein stilisierter Hirsch mit seinem Zögling projiziert, dann erscheint der "Naturmensch" auf der Bühne und verwandelt sich langsam zum "zivilisierten Wesen". Das dunkle Gesicht wird in weißes Mehl getaucht, ein erster Schritt auf dem Weg. Ein schwarzer Anzug, Schuhe und Strümpfe machen ihn zu einem von "uns". Parallel zu der Veränderung des "Wesens", hört man von einem Tonband philosophische Texte auf Arabisch, Deutsch, Englisch und Spanisch.

Ghanems pantomimische Darstellung war sehr eindrucksvoll, seine Körpersprache vermittelte dem Zuschauer den mit dieser Verwandlung bzw. Anpassung an die Zivilisation verbundenen Schmerz. Der aufrechte Gang - die Balance halten - ist eine Kraftanstrengung. Mit Hilfe eines Zuschauers zwängt er sich in Strümpfe und Schuhe, sie verursachen ihm Schmerzen, was in seiner Mimik und unsicheren Bewegungen deutlich wird.

Das Stück endete mit der Auslegung eines Schienenstranges, auf der eine Maschine entlang laufen sollte. Leider versagte in Kiel die Technik (was mich sehr an Aufführungen der Kairoer Oper erinnerte ;-), so dass dem Publikum diese Metapher der "Moderne" leider versagt blieb.

Die Aufführung erhielt zwar keinen Preis der Jury, wurde jedoch als sehenswert beurteilt. Das interessierte Publikum spendete viel Applaus.

Die Autorin:
Vielen unserer Leser braucht man Angelika Anders-Lauck wahrlich nicht vorzustellen: Während ihres achtjährigen Aufenthalts in Kairo war die Autorin eine der Stützen des PAPYRUS, dem sie auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland im Sommer 2000 verbunden blieb. Heute unterrichtet Angelika Anders-Lauck Arabisch an der Volkhochschule Kiel und veranstaltet einmal im Jahr Bildungsreisen nach Kairo.

zurück