Pilgerfahrt nach Deir Abu Hinnis - Auf den Spuren der Heiligen Familie
von Ursula Mahlke
In Deir Abu Hinnis findet jedes Jahr Ende Januar eine Prozession statt, zu der Zeit als der Legende nach Maria und Josef mit dem Jesuskind hier den Nil überquert haben sollen. An dieser Prozession nahmen wir, eine Gruppe von 37 Personen unter der Führung von Dr. Cornelis Hulsmann, am letzten Januarwochenende teil. Der holländische Soziologe hat koptische Traditionen und Legenden aus den Dörfern entlang des Weges der Heiligen Familie überprüft und dokumentiert. Verbunden mit unserer Pilgerfahrt war der Besuch von Gebel el-Teir, Sawada und al-Ashmonein, allesamt Orte, an denen die Heilige Familie wohl auch geweilt hat.
Morgens um 8 Uhr fuhren wir in Ma'adi ab. Auf der Ostseite des Nils ging es nach Süden; Heluan, Sfax; dann auf der neuen Straße ebenfalls östlich des Nils. Sie beginnt, wo die Straße südlich von Sfax rechtwinklig zum Roten Meer hin abbiegt. Von dort an hatten wir auch Polizeischutz. Unser erstes Ziel war Gebel el-Teir, auf der Höhe von Minia.
Gegen 12 Uhr erreichen wir Gebel el-Teir, den Vogelberg. Das Dorf liegt hoch oben auf weißen Kalksteinklippen, die das Niltal nach Osten hin begrenzen. Mitten im Dorf befindet sich eine Kirche aus dem 4. Jahrhundert, einer Inschrift nach wurde sie im Jahr 328 geweiht. Die Kirchengründung geht zurück auf die Kaiserin Helena, die Mutter Kaiser Konstantins. Die aus dem Fels gehauene Kirche beherbergt eine Höhle, in der sich die Heilige Familie aufgehalten haben soll. Der Legende nach löste sich eines Tages ein Brocken aus der Felswand, der die Heilige Familie wohl erschlagen hätte, wenn Jesus nicht seine Hand ausgestreckt und dem Felsbrocken Einhalt geboten hätte. Über dem Eingang zum Altarraum hängt ein altes Relief, eine sehr feine und schöne Arbeit. Um die Kirche herum liegen viele alte Gräber, die meisten sind überbaut.
Gebel el-Teir ist ein Wallfahrtsort. Deshalb sind etliche Busse gekommen, viele Leute zog es heute hier her, auch einige Schulklassen sehe ich. Die Kinder in ihren Festkleidern sind hübsch anzusehen. Im Ort gibt es ein Restaurant mit einem sehr schönen Blick hinunter zum Nil. Nach Norden und Süden blickt man an den weißen Felsen der Klippen entlang. Sie bilden einen schönen Kontrast zu den darunter gelegenen sattgrünen Feldern, in der Ferne der Nil sieht man den Nil. Eine Treppe von 166 Stufen führt abwärts. Unten wird uns der Bus wieder abholen. Da er Verspätung hat, bleibt uns etwas Zeit, die Schönheit zu genießen: die weiten grünen Felder mit einzelnen Palmen und Palmengruppen, die hohen Palmen vor den weißen Felsen, die in ihrem Schatten ruhenden Gamusas - Ägypten, wie es schöner nicht sein kann.
Und so schön bleibt es bis Sawada, unserem nächsten Ziel. Wir passieren
Reste eines Heiligen Baumes. Als er noch stand, kamen oft Pilger, für die
Fellachen ergab sich ein kleiner Nebenverdienst. Doch nun wollte man den Baum
schützen, einen Zaun oder eine Mauer herum bauen. Die Fellachen hatten
Angst, dass ihnen dadurch Land verloren geht und fällten den Baum - Geschichten,
wie sie Ägypten schreibt.
Sawada ist ein Dorf , in dessen Nähe der größte christliche
Friedhof der Gegend liegt. In einem alten Grab hat man eine Kirche aus dem Fels
gehauen, auf den Fundamenten eines alten Tempels, deren Reste man deutlich erkennen
kann. Aber im Ganzen fand ich alles wenig reizvoll, auch die riesige neue Kathedrale,
die im Bau ist. Ein Besuch Sawadas lohnt meines Erachtens einzig wegen der Fahrt
von Gebel el-Teir dort hin.
Wir fuhren nun über die Nilbrücke nach Minia und dann auf der Westseite am Kanal entlang nach Süden, nach Mallawi. Dort sollten wir mit der Fähre übersetzen nach Abu Hinnis. Doch unser Busfahrer weigert sich, auf die Fähre zu fahren. Palaver, Dauscha - und dann setzen wir ohne den Bus über. Am anderen Ufer bringen uns drei Pick-ups zum Deir Abu Hinnis. Beim Kloster steigen wir schnell um in die Kleintransporter des Klosters und dann geht es hinauf zu den Bergen. Erst begleitet uns am Wegesrand das üppige Fruchtland, und dann fast Wüste, kahl, sandig, staubig, steinig und hügelig, mit einigen Gräbern dazwischen. Steil steigt der Weg den Berg hinauf an! Oben gibt es viele große Höhlen, in denen einst Hunderte von Eremiten gelebt haben. Eine große Höhle nutzten sie als Versammlungsraum, ihre Kirche. Dort findet man ein Fresko: der Kindermord des Herodes. Es ist das älteste Fresko zu diesem Thema. Herodes sitzt auf seinem Thron (ein Kreis), davor stehen zwei Krieger, Kind und Schwert in der Hand. Dann der Engel, der Maria und Josef sagt, dass sie zurück können, Herodes sei tot. Als Letztes ist die Rückkehr nach Palästina dargestellt. Das Fresko ist leider nicht gut erhalten, aber mit einigen Hinweisen kann man es erkennen.
Wir gehen dann oben am Berg entlang, vorbei an den vielen Höhlen. Die Berge, der weite Blick, die Abendstimmung, allein das wäre die Fahrt wert gewesen. Der Abstieg erweist sich als schwierig. Inzwischen ist es dunkel geworden und der Weg ist steil und steinig, aber alle kommen wohlbehalten unten an. Wir fahren ins Dorf zurück. Abu Hinnis ist ein rein christlicher Ort mit einer besonderen Atmosphäre, die geprägt ist von seinen christlichen Einwohnern, von den beiden Klöstern und der alten Kirche. Diese Kirche ist unser nächstes Ziel: Sie stammt aus dem 5. Jahrhundert und ist etwas tiefer gelegen, ein niedriger Bau mit gedrungenen Säulen. Über den drei Durchgängen zum Altarraum sieht man schöne alte Steinreliefs. Von der Kirche fahren wir zum Nonnenkloster, die Nonnen haben für uns gekocht. Nach dem leckeren Abendessen kehren wir zur Fähre zurück, auf der anderen Seite wartet der Bus auf uns. Wir schlafen in Mallawi, im Gästehaus der koptisch-orthodoxen Kirche.
Am nächsten Morgen müssen wir früh aufstehen, um rechtzeitig zur Prozession zu kommen und zur gleichen Zeit wie Bischof Demitrius von Mallawi den Nil zu überqueren. Durch üppiges Fruchtland und hübsche Dörfer erreichen wir den Nil. Hochbetrieb herrscht an der Anlegestelle. Viele Jugendliche in weißen Messgewändern legen gerade ihre rot-goldenen Schärpen an, rücken sie zurecht. Sie tragen Stöcke mit Kreuzen oder Wimpeln, einige führen Bilder mit sich. Auf vielen Wimpeln und Bildern erkenne ich immer wieder die Heilige Familie in ihrem Boot. Dazwischen stehen die Geistlichen in ihren schwarzen Gewändern mit roten, goldenen oder weißen Schärpen. Und wir mittendrin. Es herrscht eine Stimmung freudiger Erwartung. Zwei große Fähren fahren in schnellem Wechsel hin und her, sie sind voller Menschen, die alle zur Prozession hinüber wollen. Die Felukke für den Bischof liegt auch schon bereit - mit einem großen hellblauen Segel, auf dem sich ebenfalls ein Bild von der Heiligen Familie im Boot befindet. Unsere Gruppe verstaut man auf dem Polizeiboot. Da der Bischof mit Verspätung eintrifft, drehen wir zunächst einige Warteschleifen.
Der Nil ist hier nicht sehr breit, aber es ist ein malerisches Fleckchen - besonders das Ostufer. Schließlich kommt der Bischof mit seinem Gast, dem Bischof Daniel von Ma'adi. Die Überfahrt beginnt. Wir beobachten, wie der Bischof und sein Gast gleichmäßig hinüber gerudert werden zum Ufer von Deir Abu Hinnis, das voller Palmen und erwartungsfroher Menschen ist. Auch auf dem Fluss ist es voll - der Bischof, ein altes verrostetes Boot mit zwei Reportern auf dem Dach, zwei Segelboote, die große Fähre- und wir auf dem Polizeiboot! Dr. Hulsmann ermahnt uns, still zu stehen. Nur nicht die Balance verlieren. Am Ostufer angekommen, beginnt dann gleich die Prozession; von den Palmenhainen geht es hinaus bis zum Dorf, durch das Dorf zu einem großen roten Zelt, das man außerhalb auf dem kahlen Gelände vor den Bergen aufgebaut hat. Dort, am Kom Maria genannten Hügel, soll Maria einst gerastet haben. Hunderte von Menschen gehen hierher mit, beten laut und intensiv auf dem Weg. Andere säumen die Straßen, winken und werfen Süßigkeiten. In der Mitte, abgesperrt gegen das sich drängende Volk, schreiten der Bischof und die Ehrengäste, zu denen auch wir gehören. Es ist heiß, staubig und laut. Die vielen Menschen, Messgesang aus einem mitgetragenen Lautsprecher und die alles übertönenden, schrillen Zungentriller der Frauen sind zu hören. Auf seinem langen Weg stoppt der Prozessionszug ab und zu; insgesamt dauerte die Prozession rund eine Stunde.
Am Ziel angekommen, nehmen Bischof und Würdenträger in einem großen, rechteckigen Zelt auf einer Tribüne Platz, die Ehrengäste werden ins Zelt gebeten. Die vielen Menschen, die der Prozession beigewohnt haben, vor allem die Kinder, werden von Männern aus dem Zelt getrieben und mit dicken Stöcken fern gehalten. Die Feierlichkeiten beginnen mit der Nationalhymne, gesungen in Arabisch und Koptisch. Dann werden Grüße ausgerichtet an alle bedeutenden Personen, von Präsident Mubarak bis zum kleinsten Würdenträger, die letzten Namen werden noch schnell per Zettel hinaufgereicht! Eine Schulklasse trägt die Geschichte von Deir Abu Hinnis vor - gesprochen und gesungen. Unser kleiner Chor singt auch, Pfarrer Knolle und Herr Hulsman sprechen. Getränke werden gereicht. Die "Heilige Familie" kommt mit ihrem Esel zum Bischof, eine kleine Einlage, die dröhnenden Applaus zur Folge hat! Ich gehe nach draußen. Es ist schwierig, denn die Kinder und Jugendlichen sitzen nun doch alle im Zelt. Und davor findet ein Volksfest, ein Mulid, statt. Viele Menschen sind gekommen, alle festlich gekleidet. Getränke, Knabberzeug und Süßigkeiten werden angeboten. Wagen sind mit großen Figuren geschmückt. Drei Mal insgesamt findet man die Heilige Familie mit dem Esel, sogar ein Weihnachtsbaum und auf einem anderen Wagen der Weihnachtsmann sind zu sehen. Hier an den Zeltwänden berühren sich religiöse und Volkstraditionen.
Gegen Mittag brechen wir auf. Wir fahren zurück ins Dorf und essen wieder bei den Nonnen. Die Pick-ups bringen uns zum Fluss. Ein letztes Mal setzen wir über - mit der normalen Fähre. Drüben steht unser Bus, mit dem wir nach Al-Ashmonein, zwischen Mallawi und Minia auf der Westseite des Nils gelegen, weiter fahren. Der Ort, aus dem die erste Geschichte von der Heiligen Familie kam, ist das letzte Ziel unserer Fahrt. Im 4. Jahrhundert hatten Mönche zum ersten Mal mündlich überlieferte Berichte über die Tradition der Heiligen Familie schriftlich festgehalten. Die Einwohner Al-Ashmoneins glaubten damals fest daran, dass sich die Heilige Familie in ihrem Ort aufgehalten hat. Allerdings gibt es zwei Versionen darüber, wie es der Heiligen Familie in Al-Ashmonein ergangen war: In der einen wurde die Familie alsbald aus der Stadt gejagt, weil die Götterbilder bei Jesus' Erscheinen zerbrachen, in der zweiten Version heilte Jesus Kranke und Gebrechliche und wurde als Gottessohn verehrt. Erst später behaupteten auch andere Orte in der Umgebung, die Heilige Familie beherbergt zu haben. Wissenschaftler versuchten dann, den Weg der Heiligen Familie zwischen den historisch belegten Aufenthaltsorten Kairo (Festung Babylon) und Al Ashmonein zu rekonstruieren.
Al-Ashmonein war einmal eine große Stadt, heute sind nur noch Ruinen übrig. Auffallend ist die große Basilika aus dem 5. Jahrhundert, ihre hohen Säulen mit den korinthischen Kapitellen, die scheinbar wieder aufgerichtet wurden. Leider haben wir nicht viel Zeit zu verweilen, denn wir müssen ja noch nach Kairo zurück. Über die neue, westliche Wüstenstraße, die von Assiut nach Fayoum und weiter nach Kairo führt, geht die Rückfahrt sehr schnell, gegen 21 Uhr kommen wir in Ma'adi an.
Zwei Tage lagen hinter uns, in denen wir den Weg der Heiligen Familie in Ägypten ein Stück begleitet haben. Zwei Tage, in denen wir sehr viel gesehen und erlebt haben.
Dr. Cornelis Hulsman organisiert und führt mehrmals im Jahr ein- bis zweitägige Touren auf den Spuren koptischer Traditionen in Ägypten. Die nächste Fahrt führt am 3. Mai zum Frauenkloster Dimyana in der Nähe von Mansoura im Delta, das für seine schönen Ikonen bekannt ist. Sollten Sie an Reisen dieser Art interessiert sein, wenden Sie sich Dr. Hulsmann: Tel/Fax: 3803424, E-mail: jourcoop@intouch.com
Ursula Mahlke, pensionierte Lehrerin, kam 1962 nach Kairo. Sie unterrichtete, mit einer sechsjährigen Unterbrechung von 1967 bis 1973, an der DEO; 1984 ging sie in den Ruhestand. Reisen war schon immer ihr Hobby, PAPYRUS verdankt Frau Mahlke bereits mehrere interessante Reiseberichte.
Wer mehr über den Weg der Heiligen Familie in Ägypten erfahren will,
dem sei der Artikel "Heiliges Jahr, Heiliges Land, Heilige Familie"
von Heidrun von Boetticher empfohlen, der in PAPYRUS 5-6/2000 erschien (dort
auch weiterführende Literaturangaben).