Tagebuch einer Mitausgereisten - Folge 15: Hände weg von meinem Auto!
von Bettina Knauth
Seit einiger Zeit traue ich mir richtig etwas zu mit meinem Kleinwagen: Bat
ich früher noch händeringend, wenn nötig fast auf Knien, meinen
mir Angetrauten um sein Auto samt Fahrer, um zu einem der Basare chauffiert
zu werden, so fahre ich heute selber hin. Was mich, das will ich nicht verhehlen,
mit Stolz erfüllt - und ungeahnte Freiheit verschafft. Früher waren
für mich die Stadtteile am anderen Flussufer, jenseits von Giza und Zamalek,
aber abgesehen von Maadi, "autofahrerfreie Zone". Das galt besonders
für das Gebiet Downtown und für die Altstadt. Fuhr ich mit Fahrer
zum Khan el Khalili, war ich ständig in Eile, denn erfahrungsgemäß
dauert so ein Basarbesuch immer länger als geplant, aber der Fahrer musste
doch pünktlich zurück sein, um keinen Ärger mit seinem Chef zu
riskieren ... (lieber er als ich!)
Bis ich endlich einen Tipp bekam, doch hinter dem Krankenhaus nach der Al Azhar-Moschee zu parken (Vorsicht, nicht weitersagen!). Das klappte auch beim ersten und bei zwei weiteren Versuchen prima, mal wies mir einer der freundlichen Parkanweiser einen Platz in der Straße hinter dem Krankenhaus in Richtung Beit el Harauwi zu, mal fand ich gleich zu Anfang der Straße, vor dem großen Parkplatz mit Schranke, eine freie Parkbucht. Gut, dass ich mich mit einem Kleinwagen bescheide! (Auch wenn die Parklücke nachher so eng war, dass ich selbst beim zehnten Rangierversuch noch nicht frei kam).
Letzte Woche machte ich mich also wieder auf den Weg zum Basar, die zu Besuch weilenden Schwiegereltern wollten noch schnell ein paar Geschenke besorgen. Doch da ich vorher andere Pläne hatte, bitte ich den Fahrer, sie zum Basar zu fahren und mich dort zu treffen. Damit sie nachher nicht so weit laufen müssen, nehme ich - nichts Böses ahnend - den ersten Parkplatz, den mir ein freundlicher junger Mann anbietet, wieder rechts vor dem großen Parkplatz, der mir wie immer einen überfüllten Eindruck macht. Die übliche Zahlungsaufforderung schlage ich aus, erst nach getaner Arbeit gibt es Geld (Wie heißt es bei Chris de Burgh: "Don't pay the ferryman..."). Und dass er mir bloß nicht mein Autochen wieder so einzwängt! Ich will meinen Corsa noch nicht verschrotten!
Wir treffen uns also auf dem Khan, bummeln und kommen, wen wundert's, zwei Stunden später vollbepackt zurück. Die erbeuteten Waren ins Auto zu packen erweist sich als schwierig, denn das Auto ist nicht mehr da, jedenfalls nicht dort, wo es zuvor stand. Ich hatte doch den Gang eingelegt, oder? Schließlich ist das Gelände hier stark abfällig. Und den Schlüssel versuche ich auch immer bei mir zu behalten, tatsächlich: Er befindet sich noch in meinem Besitz. Der freundliche Parkplatzanweiser aber ist verschwunden, ebenso alle Fahrzeuge, die links und rechts von mir standen. Leicht panisch befrage ich einige Passanten, aber mein Arabisch hält für einen solchen Fall nicht das richtige Vokabular bereit.
Ratsuchend rufe ich den Fahrer an, bitte ihn, sich Auskunft zu holen. Ich verstehe immer nur "Winsch" - was soll das bedeuten? Die Nachricht trifft mich wie ein Keulenschlag: Mein Auto wurde offensichtlich abgeschleppt! Aber warum, es stand doch auf einem Parkplatz, hatte man ihn mir nicht zugewiesen? Und wo überhaupt ist hier das "Parken verboten"- Schild? Wie soll ich denn wissen, dass ich hier nicht parken darf?
Diese Frage sollte ich in der nächsten Stunde noch einige Male stellen. Aber alles, was ich dafür ernte, ist mitleidiges Lächeln. So etwas scheint man wissen zu müssen. Dabei steht noch nicht mal ein arabisches Schild dort!
"Unser" Fahrer Ali erweist sich als Retter in der Not, ich brauche nur etwas Geduld - und Nerven. Irgendwie hat er herausgefunden, wohin man mein Auto abgeschleppt hat, zum Attaba Square. Das ist der Alptraum für mich als Autofahrerin in Kairo schlechthin, dort bin ich selbst noch nie gewesen. Zunächst weiß auch Ali nicht, wie er an mein Auto kommen soll, denn er sieht es zwar von der Hochstraße, aber die Straße, die uns auf kürzestem Wege dorthin führen soll, ist zur Einkaufsstraße umfunktioniert und damit für den Verkehr gesperrt. Noch eine Ehrenrunde unter dem Hochstraßengewirr, langsam umkreisen wir das Ziel, einen abgesperrten Platz, auf dem mehrere Abschleppwagen stehen. Mittendrin mein kleiner Corsa, fast verloren wirkt er hier.
Ich schaue schnell mal nach, wie es ihm geht, auch die Zulassung muss ich noch aus dem Auto holen. Einer der Polizisten will mich daran hindern, sieht dann aber ein, dass ich das Papier brauche. Ali schleppt mich über die Straße. Wo will er denn hin, gibt es dort eine Polizeistation? Aber er nähert sich nur einem anderen Uniformierten, der mit Block ausgerüstet unter den Hochstraßen am Rande steht. Aha, jetzt gibt es den Strafzettel. Wieder sage ich mein Sprüchlein auf, mit dem ich hoffe, der Strafe zu entgehen ("Wie sollte ich denn wissen...?"). Dabei lasse ich soviel Charme spielen, wie ich angesichts der Situation aufbringen kann, schaue hilflos-naiv und zerknirscht drein. Das reicht offensichtlich nicht aus, denn der Mann bleibt unbeeindruckt und zückt den Stift. Dann ändert er aber plötzlich seine Meinung, lässt mich rechts stehen und stürzt sich todesmutig auf die Kreuzung, um den Verkehr zu regeln. Nun dürfen die von Ost nach West fahrenden Autos ran und an uns vorbei donnern. Ich fühle mich fehl am Platze, der Gestank der Auspuffgase nimmt mir den Atem. Was nun? Schwaja, schwaja, bedeutet mir Ali. Ich muss nur abwarten, bis die Fahrzeuge der anderen Richtung wieder zum Zuge kommen, dann kommt der Mann mit dem Block wieder zu mir zurück. Werde ich noch genug Geld für die Strafe dabei haben, nach den Einkäufen auf dem Basar? Von anderen habe ich gehört, die Parkkralle habe sie zwischen 200 und 300 LE gekostet. Der Mann mit dem Block nennt mir einen Betrag, den ich ungläubig wiederhole: "Sitta wa ischrin?!" Nur sechsundzwanzig Pfund? Das muss ein Versehen sein. Aber soll ich mich beschweren? Angesichts dieser "horrenden" Summe verzichte ich auf mein Sprüchlein und bezahle. Er wirft noch einen kurzen Blick auf meine Zulassung, da mahnt Ali zur Eile und ergreift die Quittung.
Im Zick-Zack überqueren wir die belebte Straße, ein Fahrzeug erwischt mich beinahe am Bein. Nichts wie weg hier! Zuvor muss ich noch Quittung und Zulassung dem Wächter des Parkplatzes vorlegen. Ali raunt mir zu, ich solle ihm zwei Pfund Bakschisch zustecken - und dann schnell mit den Unterlagen zum Auto gehen. Mir soll's recht sein, ich will längst nach Hause, nur graut mir vor dem Rückweg raus aus dem Gewühl. Aber ich habe keine Wahl, Schwiegereltern wollen vom Basar wieder abgeholt werden. Erst später erfahre ich den Grund der plötzlichen Eile: Meine Zulassung ist seit einem Monat abgelaufen. Da habe ich aber Glück im Unglück gehabt, Glück, dass ich mein Auto überhaupt zurück bekam!
Auch die Fahrt zurück ist nicht so schlimm wie erwartet. Aber dieses Mal
- und in Zukunft - parke ich lieber auf dem offiziellen Parkplatz, der kostet
weniger Geld, Zeit und Nerven als eine neue Abschleppaktion!