Koptische Stürme - Gedichte von Anette Vonberg
Koptische Stürme sind die von den Kopten, der ältesten Gruppierung ägyptischer Christen, seit den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt für den Bereich des östlichen Mittelmeers dokumentierten Stürme eines Kalenderjahres. Ihre Datierung trifft mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent und einer Genauigkeit von 48 Stunden zu. Die dreizehn koptischen Stürme beherrschen zusammen mit den Meltemiwinden, die Anfang Juli, mit dem Aufgang des Sirius, einsetzen und bis Mitte September wehen, das Klima der Region von Syrien bis zum Ionischen Meer. Im koptischen Sturmkalender schlägt sich zeitlich nieder, was unter dem räumlichen Gesichtspunkt der Windrichtungen in den Reliefen des Aerides, des oktagonalen Marmorturms der Winde in Athen zur Darstellung kommt. Beides führte sich später in der venezianischen und der türkischen Seefahrt und in der Landwirtschaft fort und hat bis heute für Seeleute wie für Landleute Gültigkeit.
Jasmin
Ohne daß ich sprach,
füllten meine Worte
sich mit seinem Duft.
Allein stand
ich nachts
beim Jasmin,
meine Augen
schimmerten
vom Weiß
seiner Blüten.
Gecko
Kleiner Körper,
fast durchsichtig.
Er verdichtet
sich erst da,
wo er
in die Augem
mündet,
versteinernden
Blickes:
eine Drehung
im Kaleidoskop
der Welt,
und die Fliege
ist im Maul.
Granatapfel
Im Sturm
der Zeit
gedrehte
Frucht,
reif, wenn
der Sommer
sich neigt,
ich pflücke
sie dir,
lege sie
in deine Hand.
Fühle, wie schwer
und sieh:
was sich
da alles
in die Schale
gezeichnet hat,
auch die Worte,
die ich zu mir
selber sprach
unterm Granatapfelbaum,
kleine Wunden
mit ein wenig Schorf,
leicht für
deine Finger
zu verstehen.
Olivenbäume
Chor langsamer
Bäume,
in die Weite
der Landschaft gestellt,
sie gliedernd in
Wildnis und Hain.
Eines langmutigeren
Blickes bedürfte es,
als Menschen vermögen,
den Gesten zu folgen,
mit denen diese Bäume
sich dem Himmel
entgegenheben
bei ihrem Wechselgespräch
mit Sonne, Regen
und Grund.
So muß, wer es will,
dem silbergrünen Rascheln
der Blätter lauschen,
muß seine Hände
auf die Verkrümmungen
der Äste, in die Risse
des Stammes legen,
muß die Bitterkeit
der Früchte schmecken,
bevor er
sie pflückt
und kundig
bereitet
und das Schicksal
heilsam
und gut
zu schmecken
beginnt.
Chamäleon
Traumbefangen,
mit Bewegungen,
die einer langsameren
Zeit angehören,
schreitet das
Chamäleon
durch den
sanften Farbraum
seiner Welt.
Nach kleinen,
leuchtenden
Wundern jagt es,
läßt sie auf
seiner langen,
spiraligen
Zunge tanzen
und setzt dabei
so behutsam
seine kreuzweise
geführten Beine,
daß sich sein
farbenatmender
Leib selten an
mehr als zwei
Punkten mit dem
Boden berührt.
Denn der Boden
dreht sich schnell
unter dem langsamen Schritt
und schlägt manchmal
mit solcher Plötzlichkeit
ins vorsichtig kreisende
Aug des träumenden Tiers,
daß ihm kaum mehr
die Flucht
ins Unsichtbare
bleibt.
Die arabische Welt ist der Autorin durch Aufenthalte auf Zypern, in Saudi-Arabien
und im Libanon vertraut. Die Gedichte sind für die Veröffentlichung
eines Gedichtbandes unter dem Titel "Koptische Stürme" vorgesehen.
Wir bedanken uns bei Frau Vonberg für den Vorabdruck in PAPYRUS!