Am Rande des Labyrinths - Die Hawara-Pyramide im Faijum

von Bettina Knauth

Die Halboase Faijum bietet nicht nur wegen der Schönheit ihrer fruchtbaren Landschaft und ihres vorzüglichen Klimas eine willkommene Abwechselung vom Kairoer Moloch, auch die geschichtlichen Sehenswürdigkeiten sind einen Besuch wert. Und all das findet man nur eine gute Autostunde von Kairo entfernt. In der vorletzten Ausgabe stellten wir Ihnen bereits den Wüstentempel Qasr es-Sagha und die Wüstenstadt Dime vor, im letzten Heft den Qarunsee und den Tempel Qasr Qarun. Der heutige Ausflug ins Faijum führt uns zur Hawara-Pyramide (auch: Pyramide von Hauara). In unmittelbarer Nähe der Pyramide lag das in der Antike als eines der Weltwunder gepriesene Labyrinth, das ursprünglich der zur Pyramide gehörene Totentempel war. Berühmt wurde Hawara auch durch die hier gefundenen Mumienporträts aus römischer Zeit, die auch "Faijum-Porträts" genannten Bilder gehören zu den hervorragendsten Beispielen antiker Malerei.

Eine Menge zu verdanken hat die Halboase Faijum dem Pharao Amenemhet III. aus der 12. Dynastie (1853 - 1806 v. Chr.): Die bereits unter seinem VorVorgänger Se-sostris II. begonnene Entwässerung der Sümpfe durch den Bau von Kanälen und Dämmen wurde während seiner Regierungszeit abgeschlossen; fruchtbarer Boden wurde gewonnen und konnte nun bebaut werden. Da war es nur folgerichtig, dass Amenemhet III. auch seine Grabpyramide im Faijum errichten ließ, am Eingang bei Hawara, nicht weit von den Schleusenanlagen entfernt. Allerdings war dieser Stand-ort für seine Begräbnisstätte nur zweite Wahl, denn zuvor hatte Amenemhet II: bereits eine Pyramide in Dahschur erbauen lassen. Sein dortiges Bauwerk, die Schwarze Pyramide, so genannt wegen der dunklen Farbe der als Baumaterial gewählten luftgetrockneten Ziegeln aus Nilschlamm, hatte jedoch das gleiche Schicksal ereilt wie die Knickpyramide des Snofru aus der 4. Dynastie: Der Untergrund erwies sich als nicht tragfähig und die Arbeiten an der Pyramide mussten aufgrund erheblicher Schäden eingestellt werden. Der Neubau in Hawara wurde gekrönt von einem gewaltigen Totentempel mit einer Vielzahl an Zimmern, der später in der Antike als Labyrinth bezeichnet wurde.

"Bei den Schleusen liegt das Labyrinth, ein Bauwerk, das sich mit den Pyramiden messen kann, und daneben das Grab des Königs, der das Labyrinth erbaut hat. Wenn man in den Kanal eingefahren ist, so kommt man an eine tafelähnliche Ebene, in der ein Dorf und ein großer Palast liegt, der aus so viel Einzelpalästen besteht, wie es früher Gaue gegeben hat. Denn genau so viele von Säulenhallen umgebene Höfe liegen da, immer einer am anderen, alle in einer Reihe, und ihre Hinterwände bilden eine Wand, so dass es aussieht, als ob die Höfe alle vor einer langen Mauer lägen. Die Eingänge in die Höfe liegen dieser Mauer gegenüber. Vor den Eingängen aber liegen viele lange, bedeckte Gänge, die einander kreuzen und dadurch einen so vielfach verschlungenen Weg bilden, dass ohne Führer kein Fremder sich in die Säulengänge hinein oder aus ihnen heraus finden kann. Das Bewundernswerte dabei ist, dass die Decke jedes Gebäudes aus nur einem Stein besteht und dass ebenso jede Gruppe von gedeckten Gängen mit einer ganz ungeheuren Steinplatte überdeckt ist. Holz und anderes Baumaterial ist bei dem Ganzen nicht verwendet. Wenn man auf das Dach steigt, das nicht sehr hoch ist, da das Ganze nur einstöckig ist, so kann man die aus diesen riesigen Steinen gebildete steinerne Ebene überschauen. Hingegen wenn man von da (d.h. von den bedeckten Gängen) hinaus tritt, so kann man sie alle in einer Reihe daliegen sehen, jeder von 27 aus einem Block bestehenden Säulen getragen. Aber auch die Wände sind aus nicht geringeren Steinblöcken gebaut. Am Ende dieser ganzen Anlage, die etwa 200 Meter lang ist, liegt das Grab, eine vierseitige Pyramide, dessen Seiten und Höhe wohl 130 Meter messen. Imandes heißt der darin Begrabene. Die Säulenhöfe aber sollen gerade in dieser Zahl angelegt sein, weil nach alter Sitte aus jedem Gau die Vornehmsten samt den Priestern und Priesterinnen dort zusammen kamen, um in besonders wichtigen Fällen zu opfern und Recht zu sprechen. Jeder Gau verfügte sich dann in den für ihn bestimmten Hof."

Leider ist von diesem Labyrinth, das einst die benachbarte Pyramide in den Schatten stellte und zu den meistbesuchten Stätten in der Antike gehörte, heute bis auf Säulenreste und Steinsplitter nur noch wenig zu sehen. Der Historiker Strabo schwärmte bei seinem Besuch des Heiligtums im ersten vorchristlichen Jahrhundert in den höchsten Tönen von dem Bauwerk (s. Kasten) und zählte dort 1500 Räume, verteilt auf zwei Geschosse, Herodot sprach gar von 3000 Räumen. Einig waren sich beide in ihrem Urteil, dass kein Ortsunkundiger ohne fremde Hilfe wieder hinaus finden könne. Der Totentempel lag südlich der Pyramide, sein einst ausgedehntes Areal - Strabo sprach von 200 Metern Länge - wird nun von dem Kanal Bahr Sela el-Gedid durchschnitten.

Auch die Pyramide ist heute stark in Mitleidenschaft gezogen. Erhalten sind nur ihr Kern, ein 12 Meter hoher Felsen, und Teile der Ziegelschicht um ihn herum. Die Pyramide wurde wie ihre Vorgängerin in Dahschur aus ungebrannten und mit Stroh versetzten Nilschlammziegeln errichtet. Um das Bauwerk zu stabilisieren, bediente man sich der Skelettbauweise, d.h. Steinrippen wurden sternförmig angeordnet, die entstehenden Zwischenräume mauerte man mit großen Schlammziegeln aus. Anschließend verkleidete man die Pyramide mit Kalksteinplatten; diese Verkleidung war aber bereits in römischer Zeit nicht mehr vorhanden. Ursprünglich erreichte die Pyramide eine Höhe von 105 Metern. Der Eingang lag auf der dem Totentempel zugewandten Südseite, ein weit verzweigtes Netz von Gängen führte von hier ins Innere zur Grabkammer.

Auf der Suche nach dem Eingang der Pyramide stellte der berühmte britische Archäologe William Matthew Flinders Petrie 1888 einige Arbeiter für Grabungen abseits von Pyramide und Totentempel ab. In einem nahegelegenen römischen Grä-berfeld wurden alsbald die ersten der sogenannten Mumienporträts entdeckt, die Hawara berühmt gemacht haben: Über dem Kopf der Mumien fand man Holztafeln, auf denen ein Bildnis der Verstorbenen zu sehen war. Da diese Abbildungen in die Mumienbinden oder Kartonagen eingefügt waren, bezeichnete man sie als Mumienporträts. Diese Bestattungspraxis stellte eine Synthese aus den tradierten Mumifizierungspraktiken der pharaonischen Zeit und römischen Elementen dar. Mumienporträts waren in Ägypten rund 300 Jahre üblich, d.h. während der gesamten römischen Kaiserzeit. Die frühesten Beispiele stammen aus der Regierungszeit des Kaisers Tiberius (14 bis 37 n.Chr.). Die Wachsmal-Bilder der Verstorbenen auf Zedernholz dienten dem Ahnenkult und wurden mitsamt der Mumie im Haus der Nachkommen aufgestellt. Erst als dieser häusliche Totenkult ebenso wie andere heidnischen Kulte 392 durch ein Edikt von Kaiser Theodosius I. verboten wurde, setzten die Angehörigen die Mumien mitsamt der Porträts auf dem Friedhof in flachen Gruben bei. Ob das Ende der Porträtmumien eine direkte Reaktion auf das Edikt war oder sich eher zu jener Zeit ein tiefgreifender gesellschaftlicher und auch religiöser Wandel hin zum Christentum vollzog, der zur Abwendung von ägyptisch geprägten Kulten führte, bleibt dahin gestellt. Die Zeit der von zwei Kulturen geprägten Identitäten und Ausdrucksformen, die die Mu-mienporträts ermöglicht hatte, ging nun dem Ende entgegen.

Insgesamt wurden 146 Mumienporträts gefunden, die meisten von Petrie, in zwei Kampagnen 1888/89 und 1911/12. Dank seiner detaillierten Aufzeichnungen über die Umstände der Funde konnte die Herstellung und Bedeutung der Porträts weitgehend geklärt werden, wie Schulz und Seidel (S. 246 f.) ausführen: "Bei der Herstellung der Porträtbilder kamen zumeist mit Wachs gebundene Farben (Enkaustik) zum Einsatz, aber auch die Verwendung von Tempera kann beobachtet werden. Viele der Tafeln waren schon zu Lebzeiten der Besitzer gefertigt worden. Sie wurden nach deren Ableben passgerecht geschnitten und dann in die Mumienhülle integriert. Ihre zeitliche Einordnung erlaubt bei Männer- wie bei Frauenbildern besonders die Betrachtung der Frisuren, die weitgehend stadtrömischen Vorbildern folgten. Das Hauptmotiv für die Einführung der Porträts in den Totenkult, wodurch die Mumie eine bisher unbekannte Individualisierung erfuhr, war wohl ihre Eignung zur Repräsentanz, die von bestimmten Gesellschaftskreisen als unverzichtbar angesehen wurde." Die öffentliche Selbstdarstellung war nicht mehr den Mächtigen vorbehalten. Sie half den Menschen, zu sich selbst zu finden und gesellschaftliche Beziehungen aufzubauen. Jeder, der etwas auf sich hielt, empfand es als notwendig, sich - wörtlich genommen - ins Bild zu setzen. Die vielfältigen und gut erhaltenen Porträts sind nicht nur ein hervorragendes Beispiel antiker Malerein, sie sind auch die einzigen Porträts, die aus der Antike überliefert sind.

Die Gesichter sind zumeist jugendlich, die Lebenserwartung lag damals bei rund dreißig Jahren. Ihr frontaler Blick aus weit geöffneten Augen erinnert an Ikonen, wie man sie in orthodoxen Kirchen findet.

Nördlich der Pyramide ließen sich im Mittleren Reich die Wohlhabenden der Hauptstadt des Faijum bestatten, dort stößt man ebenfalls auf ein großes Gräberfeld. Östlich des Tempels findet man die Ziegelruinen eines römischen Dorfes. Zwei Kilometer südlich der Hawara-Pyramide wurden 1956 Reste einer weiteren Pyramide entdeckt, in der sich die Gebeine der Prinzessin Neferuptah, einer Tochter Amenemhets III. befanden. Rund 6 km weiter befindet sich die von Sesostris II. erbaute Pyramide von Illahun (El-Lahun), die in Bauweise und Größe stark der Hawara-Pyramide ähnelt.

Anreise: Die Pyramide liegt ca. 10 km südöstlich der Hauptstadt Medinet el-Faijum und ca. 1,5 km nördlich des Dorfes Hawara el-Makta am Rande der Wüste auf einem Plateau. Von der Hauptstadt aus ist der Weg beschildert.

Quellen: Die Beschreibung von Pyramide, Labyrinth und deren Umfeld beruht weitgehend auf Baedekers Ägypten, Stuttgart 1988, S. 179-180. Dort findet sich auch das Zitat des Geographen Strabo (S. 180, ohne weitere Quellenangabe).

Die Beschreibung der Mumienporträts beruht weitgehend auf Matthias Seidel/Regine Schulz: Kunst und Architektur: Ägypten, Könemann 2001, S. 246-247. Dort findet sich auch das oben angeführte Zitat über Herstellung und Bedeutung der Mumienporträts.

Wer mehr über Mumienporträts lesen möchte, dem sei "Der zierlichste Anblick der Welt" von Barbara Borg empfohlen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Mainz 1998.

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