Bus(tor)tour
Eine spannende Nachtfahrt im Upper Egypt Travel-Bus
von Edith Brielbeck
Eigentlich hätte eine innere Stimme mich warnen müssen. Schon beim geplanten Rückflug von Luxor nach Kairo war der Wurm drin. Die Gäste meiner Reisegruppe waren ganz normal mit der AeroLloyd heimgeflogen und für mich war eigentlich die Maschine um 18.30 Uhr vorgesehen. Unser Mann im Reisebüro hat dann aber seine Beziehungen spielen lassen und mir den letzten Platz in der überbuchten 15-Uhr-Maschine der Egypt-Air verschafft.
Als letzte Passagierin wurde ich aufs Rollfeld vorgefahren. Meine anfängliche Freude wich schnell einem gehörigen Schrecken: Zunächst sah ich nämlich gar kein Flugzeug dort stehen! Schließlich kreiste der Bus um eine winzige, uralte Fokker-Propellermaschine der staatlichen rumänischen Fluggesellschaft TAROM herum und blieb dann davor stehen. Mir stockte der Atem, als ich sah, dass mein roter Koffer gerade in diesem Moment dort hineingeladen wurde.
Ich erklärte den Egypt-Air Mitarbeitern, die mich zur Maschine begleiteten, den Koffer könnten sie gleich draußen lassen - mit dieser Maschine würde ich auf gar keinen Fall fliegen! Noch dazu war für Kairo Sandsturm vorhergesagt worden... Die Herren vom Bodenpersonal versuchten, mich von der Sicherheit der Maschine zu überzeugen und machten einige Witze über meine Besorgnis, verboten mir jedoch später auf der Rückfahrt zur Abflughalle, dieses von Rumänien ausgeliehene Flugzeug zu fotografieren. Ich war fest entschlossen, an diesem Tag in kein Flugzeug mehr einzusteigen, und dachte, ich könnte doch einmal den Überlandbus ausprobieren.
Um es kurz zu sagen: Es war eine Tortur! Der Bus fuhr um 19 Uhr in Luxor ab und sollte um 6 Uhr am nächsten Morgen in Kairo sein. Mein schöner, neuer roter Samsonite-Koffer wurde in den Bauch des Busses verladen und hob sich sehr deutlich vom restlichen Gepäck ab. Insgeheim musste ich an einen Inlandsflug vor vier Jahren denken, bei dem ein anderer, damals noch neuer Koffer im Frachtraum der Maschine neben einen leckgeschlagenen Fischbehälter gepackt worden war, den ein Kairostudent von seiner Verwandtschaft zum Sham-en-Nessim-Fest* spendiert bekommen hatte. Nun stellte ich fest, dass das Gepäck der meisten anderen Fahrgäste aber auf der gegenüberliegenden Busseite eingeladen wurde.
Ich setzte mich in die dritte Reihe auf der Fahrerseite, obwohl die Plätze nummeriert waren und dies nicht meiner Nummer entsprach. Aber auf meinem Platz saß schon eine modern gekleidete junge Dame. Der Schaffner sah sich mein Ticket mehrmals an, nickte aufmunternd und war mit meiner Platzwahl einverstanden. Ich hoffte, dass er mich dadurch jetzt kannte und nicht mehr allzu oft kontrollieren käme. Das Ticket klemmte ich aber doch vorsichtshalber zwischen Vordersitz und Klapptisch, damit ich es gegebenenfalls im Halbschlaf finden könnte, ohne vollständig aufwachen zu müssen.
Eigentlich hatte ich gedacht, ich sei müde genug, um egal wo und wie einschlafen zu können. Ich freute mich schon, dass es wenigstens ein Nichtraucherbus war und erst einmal niemand Anstalten machte, den obligatorischen Videorecorder in Gang zu setzen. Aber offenbar steuerte der Bus zuvor noch ein paar Bauerndörfer an, um weitere Fahrgäste aufzunehmen, bevor das Bordprogramm auf uns losgelassen wurde. Ich war froh, dass der Bus offensichtlich nicht ganz ausgebucht war und der Platz neben mir frei blieb. So konnte ich es mir jedenfalls etwas bequemer machen und meine Beine unter den Nachbarsitz strecken, zumal mein Vordermann sich schon in Liegeposition platziert hatte und meinen Beinen keine andere Wahl blieb.
Gegen 21 Uhr - ich war gerade im ersten Schlummer - fing mit ohrenbetäubendem Rauschen und Kreischen der erste Adel-Imam-Film an. (Adel Imam ist ein sehr populärer hiesiger Komiker, eine Mischung aus Didi Hallervorden und Rambo, dessen Filme schon so bekannt sind, dass fast alle sie auswendig kennen.) Da ich nicht auf diese Fahrt vorbereitet war, hatte ich kein Oropax dabei. Je länger frau jedoch in diesem Lande lebt, desto besser wird sie im Improvisieren. Ich drehte mir Wattestöpsel aus feuchten Tempo-Taschentüchern, die aber leider nur die Spitzen wegfiltern konnten - denn offenbar wurde versucht, das zu Anfang des Films nicht vorhandene Bild durch doppelte Lautstärke wieder wettzumachen. Leise Hoffnungen keimten in mir auf, dass man es vielleicht aufgeben würde mit dem defekten Video - aber weit gefehlt. Nach einer halben Stunde etwa verwandelten sich die grauen Querstreifen auf dem Bildschirm langsam in etwas farbigere und hin und wieder konnte ich dann sogar schemenhaft Personen erkennen, die sich aus unerfindlichen Gründen in der einen Minute prügelten und in der nächsten dann wieder küssten. Untermalt wurde das Ganze von Schüssen und lautstarken Wortwechseln in kreischend hysterischen oder gebieterisch herrischen Tönen.
Zum Glück war ich wirklich sehr müde und schaffte es noch einmal, wieder einzuschlafen - bis mir der Schaffner auf die Schulter klopfte, um sich zum zweiten Mal meine Fahrkarte anzusehen, die er vor der Filmvorführung schon einmal begutachtet und in ein langes Formular übertragen hatte. Außer mir waren am Anfang der Strecke noch vier weitere Ausländer an Bord, die aber nicht bis Kairo gebucht hatten und am Roten Meer ausstiegen. Vielleicht wollte der Kontrolleur sich nochmals überzeugen, ob ich auch wirklich der einzige ausländische Fahrgast war, der vorhatte, bis zur Endstation durchzuhalten.
Immerhin ging gerade da auch der Film zu Ende und ich hoffte darauf, bald wieder einschlafen zu können. Weit gefehlt. Der Fahrer war offenbar durch die monotone Wüstenstrecke auf lautstarke Musik angewiesen, um sich wach zu halten und so dudelten aus sämtlichen Lautsprechern ägyptische Schlager, und zwar die von der Sorte mit der elektronischen Rhythmusmaschine - die Höhen immer schön laut verzerrt und klirrend wie ein rostiger Straßenbesen. Ich blieb dann wach bis gegen 3 Uhr, als endlich noch einmal der Videorecorder in Betrieb genommen wurde, den ich jetzt als wohltuend vertraut empfand und der mich innerhalb der ersten Stunde wieder in den Schlaf versetzte. Offenbar muss der nun schon zum zweiten Mal abgespulte Film aber auf den mitreisenden Schaffner eine so vergesslich machende Wirkung gehabt haben, dass dieser nun von Neuem auf meine Schulter tippte, zum dritten Mal meine Fahrkarte kontrollierte und sich vergewisserte, dass ich tatsächlich immer noch nach Kairo fahren wollte. Es wurde langsam hell. Wir hielten nochmals bei Suez, wo alle Gäste gebeten wurden, auszusteigen und nachzusehen, ob der für Kairo verladene Koffer sich auch wirklich noch im Laderaum befand. (Was sie wohl unternommen hätten, wenn er nicht mehr da gewesen wäre, mochte ich mir lieber nicht vorstellen...).
Immerhin wirkte die ganze Aktion sehr aktivierend auf meine Blase und nachdem ich nun schon einmal in die Kälte getrieben worden war, ließ sich die Angelegenheit auch nicht mehr lange hinausschieben - zumal die Programmierung, 12 Stunden ohne Klo auszukommen, durch die eingefahrene Verspätung von mindestens einer Stunde ins Wanken geraten war.
Allerdings wollte der Busfahrer auch nicht warten, bis die Fahrgäste die Raststättentoiletten aufgesucht hatten. Stattdessen verwies man mit gewissem Stolz auf die Bustoilette, die sich in der Nähe der hinteren Tür befand. Bereits mehrere Sitzreihen davor konnte man sie deutlich wahrnehmen - auch mit geschlossenen Augen. Da wurde mir schlagartig bewusst, welches Glück ich doch trotz aller akustischen Belästigungen mit meiner Platzwahl gehabt hatte. Allerdings ließ sich die Klotür nicht von allein öffnen. Der Schaffner - der ja nun wusste, dass ich immer noch wild entschlossen war, bis Kairo zu fahren und also noch mindestens eineinhalb Stunden Fahrt vor mir hatte - öffnete sie mir jovial und mit kräftiger Hand. Ich fragte vorsichtshalber, ob sie sich denn dann später von innen auch noch würde öffnen lassen. Daraufhin erbot er sich, zumindest in der Nähe zu bleiben und auf Klopfzeichen meinerseits zu warten, falls ich eingesperrt wäre. Vielleicht wartete er aber auch nur auf eine Gelegenheit, meine Fahrkarte zum vierten Mal zu kontrollieren. Nach islamischer Vorstellung hausen auf den Aborten die Dschin, die bösen Geister, und kein gläubiger Mensch hält sich gerne dort länger auf als unbedingt nötig - erst recht nicht das Reinigungspersonal. Ich versuchte, möglichst wenige Oberflächen dort zu berühren, um mit diesen bösen Geistern in Form von Myriaden von Bakterien nicht in Kontakt zu kommen und verließ - aus eigener Kraft! - sichtlich erleichtert diesen Ort des Grauens.
Immerhin war mein erwachender Frühstückshunger von diesem Erlebnis noch einmal für eine gewisse Zeit zurückgedrängt und ich suchte mir nun einen neuen Platz - diesmal ganz vorn im Bus, dort, wo man seine Beine ausstrecken konnte. Das hätte ich vielleicht besser nicht tun sollen, dann hätte ich vielleicht noch ein bisschen schlummern können. Nun aber konnte ich nicht anders, als ganz verstohlen im Rückspiegel den Fahrer zu beobachten, der sichtlich mit dem Schlaf kämpfte. Bei jedem Abnicken seines schwankenden Kopfes sah ich uns schon in den Straßengraben fahren, und ich freute mich über jede Überholaktion, die ihn wach und bei Laune hielt. Mit großer innerer Dankbarkeit für die unversehrt überstandene Fahrt gab ich ihm ein stattliches Trinkgeld, als er mir meinen kleinen roten Koffer aus dem ölverschmierten Stauraum herauszog und ihn mir freundlich überreichte.
*(Frühlingsfest, bei dem stark aromatischer Fisch und buntgefärbte
Eier bei einem Picknick im Grünen verzehrt werden)