Über Grenzen

von Frank Berberich

Das Drama der Grenzen ist so epidemisch geworden, dass es uns fast nicht mehr zu rühren vermag. Gekenterte Flüchtlingsschiffe im Golf von Gibraltar, Erfrorene in den Radkästen von Flugzeugen, erstickte illegale Einwanderer in Schiffscontainern, zum Bersten volle Boote, auf hoher See schlingernd zwischen Albanien und Italien. Flüchtlingsströme in Afrika und Asien, mehr als zwanzig Millionen sollen in Lagern leben, die freiwilligen und erzwungenen Migrationen nehmen biblische Ausmaße an. Neue Staaten teilen sich ab, um Grenzverläufe und Zugehörigkeiten wird gekämpft.

Wem gehören die Straße, die Stadt, das Land, das Öl, die Fische? Die einen haben zu viel, die anderen zu wenig.

Da bricht immer wieder etwas auf. Die Verzweiflung setzt Menschen in Bewegung und ihre Schwäche und ihre Demütigung lenken ihre Hoffnung auf ein anderes Land. Das Land der Hoffnung, das erreicht werden muss über Gletscher und Meere, Gebirge und Mauern, verborgen und im Schutz des nächtlichen Dunkels. Jenseits liegt das gelobte Land, ein Ort der Erlösung, ein Ort der Rettung, die bessere Zukunft.

Eine Linie durchschneidet den Raum zwischen dem Hier und dem Dort. Sie hat Augen. Sie hat Zähne. Sie stellt ihre Hoheitszeichen auf. Hier beginnt ein anderes Gesetz. Hier verteidigt ein Land sein Territorium. Wahrscheinlich wurde schon einmal ein Krieg geführt um diese Grenze. Hier gibt es Befestigungen, Kameras, hier wachen Soldaten, Polizisten, Zöllner. Hier wird kontrolliert. Durch enge Maschen muss man hier schlüpfen. Hier wird identifiziert, observiert, zurückgewiesen. Hier werden Genehmigungen verlangt, die man nie besaß, Stempel überprüft, die man nicht erlangen konnte. Man will hindurch, aber man weiß nicht wie. Darauf warten die Experten der Umgehungen, die Kenner der grünen Grenzen, die Schleuser der Schleichwege. Sie sind Teil einer ganzen Ökonomie, die um die Verbote der Grenze wuchert. Sie speist sich aus dem Gefälle zwischen hüben und drüben und vermarktet die Differenz. Fälscher, Schmuggler, Geldwäscher, Prostituierte, Drogenkuriere gehören dazu. Und die Spieler, die mit den Hoffnungen der Schwachen pokern.

Nur wenigen gelingt es, einzusickern. Viele werden schon auf dem Weg betrogen, die meisten abgefangen. Andere verlieren ihr Leben bei dem Versuch. Doch die Masse der Unerwünschten aus den Armutszonen wird viel früher abgeschreckt. Sollten ihre Kräfte doch zu einer Grenze reichen, prallt ihr Traum auf die Mauern der Privilegierten. Dahinter beginnt ein anderes Eigentum. Man hat kein Recht auf Einlass in jenen Raum. Hier kann man am Stigma seiner Herkunft verzweifeln. Hier sammeln sich Enttäuschung, Wut und Hass auf jene von der anderen Seite. Mit ihrer Arbeit, ihren Häusern, ihren gepflegten Gärten. Ihrer Sicherheit. Kreditkarten und Clubausweise sind ihre Passepartouts. Mit ihrem Wohlstand sind sie überall willkommen. Grenzen überschreiten sie leichtfüßig. Wo sie hinkommen, versprechen sie Geld, Investitionen, Infrastruktur. Sie sind Touristen, Manager, Finanziers, manchmal Waffen- und Diamantenhändler. Sie müssen um Land nicht kämpfen, denn sie können sich temporäre Heimat kaufen. Sie sind informiert, sie sind vernetzt, sie sind schnell.

Man sieht sie mit Handys und Laptops auf den Flughäfen und in den Shopping-Malls der Welt. Für sie gilt das Versprechen der Globalisierung. Für die anderen bleibt nur die Rede davon. Sie müssen weiter warten. Sie sind die andere Seite der globalen Asymmetrie. Einige davon können ihr individuelles Schicksal wenden, die Masse wird zurückgestaut. Der Boden unter ihren Füßen bleibt ihr Schicksal. Ganze Ethnien, ganze Völker können ihr Asyl nur bei sich selber finden.

Frank Berberich ist Herausgeber der in Berlin erscheinenden Kulturzeitschrift Lettre International (www.lettre.de).
Text (Editorial) und Abbildungen aus: Pro Helvetia (Hrsg.): Über die Grenze. Fotoreportagen und Essays. Rotpunktverlag, Zürich 2001 (www.rotpunktverlag.ch). Der Katalog (192 S.) ist erhältlich in einer englisch-französischen sowie einer deutsch-italienischen Version und kostet 19 Euro (ISBN: 3-85869-221-2).

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