Religiöse Musik und Gesänge
von Conny Wolter
Gott war in Ägypten stets anwesend. Von den Sistrumspielerinnen auf den Reliefs der Pharaonentempel bis zu den frommen Teilnehmern an den "dhikr-Zeremonien", die bei der rhythmischen Anrufung Allahs in Trance fallen - das Volk im Niltal hat es immer verstanden, seinem Schöpfer die Schönheit der Musik als Gabe darzubringen. Es fällt manchmal nicht leicht, das Geistliche und das Weltliche auseinanderzuhalten, so stark haben sich die beiden Elemente bei den religiösen Festen und den Feiern des Familienlebens, in den Arbeitsgesängen, Austreibungszeremonien und den epischen Gesängen miteinander vermischt.
Die Musikformen, die im Islam mit der Religionsausübung zusammenhängen, führen jahrhundertealte Traditionen fort und verankern sie jeweils in der Gegenwart. In jedem Jahrzehnt tun sich unter den Koranlesern neue Talente hervor, die davon profitieren, daß der Fortschritt sogar die Minarette der Stadtteilmoscheen mit Lautsprechern ausgestattet hat; ihre Rezitationen sind seit 1972 täglich im Rundfunk zu hören: auf Idhaat al-Quran al-Karim, einem Sender mit hoher Einschaltequote, der sich auf das religiöse Repertoire im Islam spezialisiert hat.
Jedes Jahr veranstaltet das Ministerium für Religiöse Angelegenheiten einen Wettbewerb für Kinder und Jugendliche, die den ganzen Koran auswendig können. Die jungen Rezitatoren sind aufgerufen, ihre Begabung unter Beweis zu stellen und werden dafür mit großzügigen Förderpreisen bedacht.
Die Koranrezitation ist ein Beruf, der von einem "qari" oder "muqri" ausgeübt wird, und die Ägypter haben sich auf diesem Gebiet in der islamischen Welt einen Namen gemacht. Jeder geprüfte professionelle Koranleser darf von Amts wegen den Titel "shaykh" tragen.
Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts lernen die "muqriin" ihre Kunst, indem sie ihrem Lehrer zuhörten und ihn nachahmten. Gewöhnlich ist der Rezitatior ein Mann, aber im 20. Jahrhundert gab es auch viele Koranleserinnen, und noch in den zwanziger Jahren warb die berühmte Sängerin Umm Kulthum auf ihrer Visitenkarte mit dieser Fertigkeit.
Wer in Kairo früher den Titel eines Koranlesers erlangen wollte, mußte, und sei es nur für kurze Zeit, an der Universität und Moschee Al-Azhar studiert haben und vom amtierenden "großen Meister der Rezitation" zugelassen werden. In den entlegeneren Provinzen hingegen reichte es, wenn die Koranleser eine Ausbildung auf lokaler Ebene genossen hatten oder sich auf das Prestige berufen konnten, das sie während mehrerer Jahre in Kairo erworben hatten. Heutzutage gehen alle Rezitatoren durch die Schule von Al-Azhar, aber zusätzlich erwartet man von ihnen, daß sie acht Jahre am Institut für Koranrezitation im Stadtteil Shubra studiert haben. Damit ihre Darbietungen im Rundfunk übertragen werden können, müssen sie ferner vor einem "Prüfungsgremium für Vorleser" bestehen, dass vom Rundfunkamt eingesetzt wird. In diesem Gremium sitzen neben den religiösen Kapazitäten, die sicher vergewissern, ob die Rezitatoren mit den heiligen Texten aufs beste vertraut sind, auch Musiker, die überprüfen, ob die Kandidaten richtig singen können und die Modi beherrschen.
Der Gebetsruf
Der Gebetsruf (adhan shari), den der Muezzin fünfmal täglich anstimmt, war für die großen Sänger früher eine Gelegenheit, zu üben und sich hervorzutun. Weil der Ruf im ganzen Viertel zu hören sein mußte, konnte man als Ausrufer die Lautstärke seiner Stimme trainieren. Als es noch keinerlei Verstärkungsmöglichkeiten gab, war das für jeden notwendig, der später in einem großen Saal auftreten wollte.
Normalerweise wird der Gebetsruf nach einer Melodieskizze, die viel Spielraum für individuelle Ausgestaltung läßt gesungen. Werden bestimmte Melodieformeln wiederholt, so steigt die Tonfolge beim ersten Mal mit wenigen Verzierungen bis zur Quarte über dem Grundton, der selbst schon im mittleren Register liegt. Beim zweiten Mal ist die Melodie dann viel üppiger ausgeschmückt und schließt mit einer Kandenz auf dem Grundton.
Wahrscheinlich war die Kunst des Gebetsrufes im 19. Jahrhundert viel abwechslungsreicher als heute.
Gesellschaftliche Feste und Riten, ländliche Traditionen
Die Gesänge anläßlich von Geburt, Beschneidung, Heirat, Geisteraustreibung und Tod werden überall in Ägypten kollektiv vorgetragen. Die Ruf-und-Antwort-Technik, die Wiederholung des Refrains duch das Ensemble, woraufhin der Solist die Strophe singt, die Stimme eines einzelnen, oft wechselnden Sängers, die sich über das Ostinato des Chors erhebt - auf diese Musikphänomene trifft man in vielen Kulturen, in Ägypten aber sind sie allgegenwärtig. Sie kennzeichnen sowohl das ländliche als auch das religiöse Repertoire, sowohl die traditinonelle Kunstmusik als auch die zeitgenössische Unterhaltungsmusik. Die auf einem festen Rhythmus aufbauenden Gesänge folgen meist dem Muster der "taqtupa", das heißt, sie setzen sich aus Refrain und Strophen zusammen, denen ein und dieselbe melodische Phrase zugrunde liegt.
Man findet diese Struktur bei ganz unterschiedlichen Liedern - Liedern anläßlich einer Beschneidung, einer Hochzeit oder eines "Sebu". "Sebu" ein immer noch lebendiger Brauch, ein Fest, das am siebten Tag nach der Geburt eines Kindes begangen wird. Man streut Salz ins Haus, um es vor dem bösen Blick zu schützen, und der Säugling wird zusammen mit den Samen von sieben Pflanzen aus dem Niltal in ein großes Sieb (ghurbal) gelegt, während eine Gruppe aus Berufsmusikern und den weiblichen Mitgliedern der Familie ein Lied aus einem für diesen Zweck bestimmten Repertoire vorträgt. Das bekannteste dieser Lieder kommt von den Beduinenstämmen.
Seltenere Rhythmusverbindungen, in denen improvisierte Schlaginstrumente eingesetzt und durch Händeklatschen und Fußstampfen ergänzt werden, gibt es vor allem in den entlegenen Regionen: in Nubien und im Sinai. Es sind oft die weiblichen Familienmitglieder, die bei gesellschaftlichen Ritualen singen: Berufsmusikerinnen sind in der ländlichen Musik selten. Ausnahmen sind die "ghawazi", die Tänzerinnen, die zu den Hochzeiten eingeladen werden. Sie setzen beim Tanzen rhythmische Akzente mit ihren "sagat", den songenannten Fingerzimbeln. Mit diesen können die Tänzerinnen den Zyklus des Trommlers gegenläufig begleiten. Die "ghawazi" tanzen nicht nur, sondern tragen manchmal auch Lieder vor, allerdings besteht ihr Repertoire heutzutage größtenteils aus Stücken der über die Medien verbreiteten Unterhaltungsmusik, die sie mit Hilfe eines kleinen Ensembles - eines Geigers, eines Akkordeonspielers, eines Flötenspielers und mehrerer Trommler - nachspielen.
Zwei den Frauen vorbehaltene Berufe, die nur am Rande zum Musikgeschehen gehören, sind sehr gefragt und im ländlichen Raum immer noch nicht ausgestorben: der des Klageweibs (muaddida) und der der Geisteraustreiberin (kudyat al-zar). Die professionellen Klageweiber müssen vor dem Begräbnis bestellt werden und begeben sich in das Haus des Verstorbenen, zu den Frauen der Familie. Sie tragen schwarze oder tiefblaue Gewänder, sie setzen sich in einen Halbkreis auf den Boden, streuen Staub auf ihren Kopf und schwingen ihre Arme rhythmisch hin und her, während sie die Tugenden des Toten aufzählen. Ihr Wechselgesang kommt manchmal ganz ohne Instrumente aus, manchmal wird er von einer "tar" (einer breiten Rahmentrommel ohne Schellen) unterstützt. Nachdem ihre Litanei bei den Trauernden einen befreienden Weinkrampf ausgelöst hat, schweigen sie kurz und nehmen dann, bis zur Erschöpfung der Angehörigen, die Aufzählung der Tugenden wieder auf. Die "kudya" ihrerseits ist die Leiterin eines "zar". Das ist eine unter Frauen praktizierte Austreibungszeremonie, die vom offiziellen Islam nicht anerkannt wird. Ziel ist, daß sich die Teilnehmerinnen in einem immer schnelleren Zweiertaktrhythmus in einen befreienden Trancezustand tanzen. Die Zeremonie wird - in zum Teil deutlich voneinander abweichenden Formen- von Palästina bis zum Sudan praktiziert. Während der Einsatz von Melodieinstrumenten fakultativ ist, sind die Schlaginstrumente unverzichtbar. Solopassagen, im Chor gesungene Beschwörungsformeln und vom ganzen Ensemble vorgetragene Refrains wechseln sich ab. Die Berufsmusiker kennen eine große Vielfalt an Gesängen, die sich auf Dämonen beziehen, von denen das Opfer bedrängt wird, oder auf Heilige, deren Eingreifen man erbittet. Auf dem Kairoer Kongreß von 1932 entstanden Aufnahmen von einer sudanesischen "zar-Gruppe" und einem ägyptischen Ensemble.
Eine Frau, die sich von einem Dämon besessen fühlt, bestellt die "kudya" und ihre Helferinnen zu sich. Die Besessene hockt sich in der Runde der Anwesenden auf einen Stuhl. Erst sind ihre Füße gefesselt, später wird sie befreit, um tanzen zu können. Man setzt ihr einen Hahn auf den Kopf und auf beide Schultern eine Henne. (Noch heute gehört das Geflügelopfer oft zum Ritual.) Singend und schreiend wird Gott und die Heiligen um Hilfe gegen die Dämonen angerufen. Die Mitglieder des Ensembles schlagen auf ihre Trommeln und beantworten die Anrufungen. Dann erscheint eine Frau, als Sufi-Heiliger verkleidet, mit einem goldbestickten Umhang und einem perlenbesetzen Fes. Mit einem Dolch in der Hand umtanzt sie die Behexte, wobei der Chor sie mit Gesängen unterstützt. Die verkleidete Frau spielt also die Rolle des Heiligen, und die Behexte wird zu ihrer fiktiven Braut. Sie tanzt vor der Gruppe, bis der Trancezustand erreicht ist und sie vor Erschöpfung umfällt.
Darüber hinaus gibt es noch eine Vielzahl an religiöser Musik und Gesang, angefangen von der liturgischen Musik der Kopten bis hin zu den musikalischen Sufi-Zeremonien. Diese alle zu beschreiben würde sicherlich den Rahmen dieses Artikels sprengen. Das Thema der ägyptischen Musik ist so reichhaltig und auch eine nähere Betrachtung von Rhythmen und Modi der ägyptischen Musik wäre einen weiteren Artikel wert.
Wer sich für dieses Thema interessiert und einen tieferen Einblick gewinnen möchte, dem kann ich nur wärmstens das Buch "Al-Tarab, Die Musik Ägyptens" empfehlen. Es ist im Palmyra-Verlag unter der ISBN-Nummer 3-930378-31-0 in deutscher Sprache erschienen und enthält sogar eine CD mit sehr interessanten Aufnahmen. Die Inhalte in diesem Artikel sind im Wesentlichen eine grobe Zusammenfassung dieses Buches, welches ich als ein "Muss" für jeden Musikliebhaber betrachte.