Musikinstrumente
von Conny Wolter
Das ägyptische Instrumentarium ist, sieht man von einigen regionalen Besonderheiten
ab, ziemlich einheitlich, was man von den Gesängen ; den Tänzen und
den Tonarten der Melodien nicht behaupten kann. Hier gibt es große Unterschiede
zwischen Unter- und Oberägypten, zwischen dem Sinai und Nubien, zwischen
der bäuerlichen Bevölkerung und den noch nicht vollends seßhaft
gewordenen arabischen Stämmen.
Blasinstrumente
Die Blasinstrumente lassen sich in drei Hauptfamilien einteilen - Flöten, Klarinetten (mit einfachem Rohrblatt) und Oboen (mit Doppelrohrblatt)-, die in unterschiedlichen, teilweise sich überschneidenden Kontexten eingesetzt werden. Das wichtigste Instrument des religiösen wie auch des weltlichen Repertoires ist die Schilfrohrflöte "nay". Dieser Oberbegriff bezeichnet auch eine Flöte, die in der Kunstmusik eingesetzt wird und im allgemeinen ein engeres Rohr hat und länger ist als ihr volkstümliches Pendant. Die Schilfrohrflöte hat sechs Grifflöcher und wird beim Spielen gewöhnlich schräg gehalten. Die Musiker besitzen meistens eine große Anzahl von "nayat", um in verschiedenen Lagen und Modi spielen zu können. Je nach Region wird diese Flöte ohne Mundstück entweder "suffara, uffata oder salamiyya" genannt, sie ist 20-45 cm lang und hat einen Durchmesser von 20 mm.
Die Doppelklarinette "arghul" ist ein typisch ägyptisches Instrument, das benutzt wird um epische Gesänge und Tänze zu begleiten. Die große "arghul (arghul kabir)" hat eine bis zu zweineinhalb Meter lange Bordunpfeife aus Bambus, die sich aus maximal neun ineinandergefügten Einzelstücken zusammensetzt und normalerweise nur drei Töne umfaßt. Die Melodiepfeife umfaßt ungefähr 70 cm, hat fünf bis sechs Grifflöcher und ist durch Wachs oder Schnüre mit der Bordunpfeife verbunden. Sie ist in Halb- und Ganztonschritten gestimmt, aber durch besondere Anblastechniken und das partielle Abdecken der Grifflöcher kann der Musiker auch die mittleren Intervalle (Dreivierteltöne) der ägyptischen Musik spielen. Daneben gibt es noch andere verbreitete "arghul"-Varianten.
Das Wort "mizmar" bezeichnet verschiedene Typen von Oboen, die in
der Volksmusik verwendet werden. Das Instrument hat sechs Grifflöcher,
seine zylindrische Pfeife endet in einem kegelförmigen Schallbecher. Die
"mizmar"-Ensembles sind gewöhnlich mit drei unterschiedlich großen
Oboen besetzt, die in verschiedenen Lagen gestimmt sind. Die kleine, schrille
"sibs" ist 30 cm lang und spielt die Melodie, die "shlabiyya",
auch "mizmar Saidi" genannt, mißt 40 cm, die größte,
die 60 cm lange "telt" liefert lang anhaltende Baßtöne.
Neben den drei Oboisten spielen in den "mizmar"-Ensembles gewöhnlich
auch noch Trommler. Die Gruppen begleiten nicht nur Sänger, sondern tragen
auch ein instrumentales Repertoire vor, zu dem verschiedene Tänze aufgeführt
werden: der Pferdetanz oder der Stocktanz, bei dem zwei Gegner einen Kampf mimen.
Saiteninstrumente
Die Saiteninstrumente sind im volkstümlichen Repertoire seltener als in der Kunstmusik, ihr Gebrauch beschränkt sich auf bestimmte Gegenden oder Kontexte. Bis zum 19. Jahrhundert gab es in Ägypten zwei verschiedene Typen von Fiedeln: die "rabab al-shair" mit rechteckigem Resonanzkörper und einer Saite aus Roßhaar und die etwa 90 cm lange "rababat al-mughanni". Die "rabab" besteht aus einer mit Leder oder Fischhaut überzogenen Kokosnußschale und einem darauf montierten Holzstab. Sie ist mit zwei im Quartabstand gestimmten Saiten bespannt. Es ist selten, daß der Musiker über mehr als eine Oktave spielt, obwohl der Tonumfang des Instruments dies ermöglichen würde. Die Saiten werden mit einem Roßhaarbogen aus Bambus gestrichen. Beim Spielen hält der Musiker das Instrument schräg im Schoß. Die "rabab al-shair" wird in den Golfstaaten und in Südsyrien immer noch verwendet, aber nicht mehr in Ägypten.
"Tanbura" und "simsimiyya" bezeichnen mehr oder weniger das gleiche Instrument. Es handelt sich um eine fünfsaitige Leier mit rundem Resonanzkörper, die am Roten Meer und im Jemen verbreitet ist. Die "tanbura" wird viel in der Gegend um Assuan in Oberägypten gespielt und ist pentatonisch gestimmt, die "simsimiyya" hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts um den Suezkanal herum verbreitet und reproduziert die typischen Intervalle der ägyptischen Musik im Nildelta. Die Saiten werden entweder mit den Fingern oder mit einem Plektron gezupft. Traditionellerweise wurde die "simsimiyya" in den Cafés von Port Said von den "sahbageyya"-Gruppen gespielt, halbprofessionellen Musikern, die ihren Wechselgesang durch Händeklatschen rhythmisch unterstützten. Die moderne Variante des Instruments kann bis zu 12 Saiten haben und wird heute von Folklore-Ensembles aus der Gegend um den Suezkanal benutzt.
Schlaginstrumente
Die beiden wichtigsten Schlaginstrumente sind die "darabukka" und die "riqq". Erstere, auch "tabla" genannt, hat einen dicken, trichterförmigen Trommelkörper aus Ton - neuerdings auch aus Metall - mit einer breiten Öffnung, die mit Fischhaut oder mit einem Fell aus Kunststoff überzogen ist. Der "tabbal", der Trommler, spielt im Sitzen, die Trommel quer über die Hüfte gelegt. Er erzeugt einen klangvollen Ton, "dum" genannt, wenn er das Fell in der Mitte trifft, und einen trockenen Ton, den "tak", wenn er auf den Rand des Fells oder den Trommelkörper schlägt. Virtuose Klangeffekte erzielt er, indem er mit einem Finger gegen das Fell drückt oder den Arm ins Schalloch einführt oder wenn er, um ein Echo zu erzeugen, die gewölbte Hand ans Instrument legt. Die "darabukka" scheint lange Zeit von den Hochzeitssängerinnen, den "awalim", benutzt worden zu sein. Sie ist ein fester Bestandteil der volkstümlichen Ensembles, und ab Mitte des 20. Jahrhunderts hat sie sich auch im klassischen städtischen Repertoire durchgesetzt.
Die "riqq", die eine komplexere Spieltechnik erfordert, ist eine
schwere Rahmentrommel aus Holz, die mit einer Fischhaut oder manchmal einfach
nur mit Ziegenfell überzogen ist. Fünf Schellenpaare sind in den Rahmen
der Trommel eingebaut. Der Spieler hält sie mit beiden Händen vor
sich, die Daumen nach unten. Da das Fell erhitzt werden muss, um die optimale
Resonanz zu erzeugen, begegnet man heute häufig Metallkörpern, die
mit einem Fell aus Kunststoff bespannt sind. Den Musikern zufolge haben diese
Instrumente ebenfalls einen zufriedenstellenden Klang. Andere Trommeln werden
auch in der religiösen Musik und in den mystischen Zirkeln eingesetzt:
die "duff", eine Rahmentrommel, die bedeutend größer (25-30cm)
und einfacher gebaut ist als die "riqq" und manchmal gar keine Schellen
hat; die "tar" ohne Schellen; die "hanna", auch "bendir"
genannt, mit noch größerem Durchmesser (50cm) und ebenfalls ohne
Schellen. Schließlich gibt es noch die "tabla baladi", die in
den professionellen "mizmar"-Ensembles eingesetzt wird, eine zweifellige
Baßtrommel, die auf der einen Seite mit einem Trommelschlegel geschlagen
wird, auf der anderen mit einem Stück Holz.