Tagebuch einer Mitausgereisten, Folge 14: Unbürokratische Hilfe - nicht in Ägypten?
von Bettina Knauth
Es begann mit einem harmlosen Päckchen, das eine Großmutter in Deutschland
an ihre Enkeltochter in Kairo schickte: In diesem Päckchen mit Kleinkram
und Süßigkeiten befand sich eine kleine verschnürte Kiste mit
50 Euro und dazu gehörigem Brief ("Kauf dir was Schönes von dem
Geld!"). Das Paket kam an, doch offensichtlich hatte es jemand geöffnet
und danach versiegelt. Auf den ersten Blick war alles drin. Auch die Kiste,
original verschnürt, wie es schien, aber das Geld fehlte. Jemand hatte
es entfernt und durch einen abgerissenen "Fresszettel" auf Arabisch
ersetzt. Die Haushaltshilfe fungierte als Übersetzerin und berichtete,
dass man das Geld gegen Vorlage des Zettels auf der Mugamma abholen könne.
Die Mugamma, Zentrum und Inbegriff der ägyptischen Bürokratie: Der einschüchternde, massive braun-graue Bau am Tahrir-Platz wirkt wie eine sozialistische Trutzburg - nicht von ungefähr, entstand er doch in den Fünfzigerjahren auf dem Höhepunkt des unter Nasser systematisch betriebenen Aufblähens des staatlichen Verwaltungsapparates. Nahezu jeder Ägypter muss die Mugamma mindestens einmal im Leben betreten, da hier wichtige Ämter, u.a. aus den Bereichen Soziales, Justiz, Landwirtschaft und Bildung, untergebracht sind. Aber auch Ausländer kommen mitunter nicht umher, die Bekanntschaft der Mugamma zu machen, denn die Beamten und Angestellten sind ebenfalls für die Bewilligung, Ausstellung oder Wiederbeschaffung von für sie notwendigen Dokumenten wie Visa, Pässe, Zulassungen und Führerscheine zuständig.
Mit dem Zettel in der Hand und einem Besucher aus Deutschland als Begleitung macht sich die Mitausgereiste mutig auf den Weg, um ihrer Tochter zu ihrem Geld zu verhelfen. Am Eingang muss der Tourist erst einmal seine Kamera abgeben, im Gebäude ist das Fotografieren strengstens verboten. Warum, das wird den beiden Besuchern bald klar: Erinnert der Eingangsbereich noch an ein durchaus respektables sozialistisches Bankhaus, so bietet das Innenleben des Gebäudes einen erschreckenden Anblick. Je weiter und je höher die Besucher in die Etagen und Flure vordringen, desto desolater wird das Bild: ausgetretene und weggebrochene Treppenstufen, end- und trostlose Büroflure, winzige Büros mit Schimmel und abbröckelndem Putz an den Wänden.
Am Eingang haben die beiden Bittsteller zum ersten Mal ihren Zettel vorgezeigt, für sie der einzige Orientierungspunkt und die einzige Möglichkeit der Verständigung zugleich in diesem Dickicht der Bürokratie und Geschäftigkeit. Sie sind froh, dass ihnen jemand überhaupt Aufmerksamkeit schenkt, denn um sie herum eilen pausenlos Angestellte und Beamte hin und her. Es geht zu wie in einem Bienenstock oder - um im menschlichen Bereich zu bleiben - wie in der Durchgangshalle eines großen Bahnhofs, als würde jeder versuchen, noch den letzen Zug zu erwischen. Zeit scheinen nur die Menschen zu haben, die in den Büroräumen sitzen.
Der Angesprochene verweist auf einen langen Flur im Erdgeschoss. Endlos reihen sich die winzigen Büroräume aneinander. In jedem befinden sich cirka fünf Frauen und ebenso viele Schreibtische, die alle identisch und gleichermaßen leer gefegt aussehen, bis auf die Tee- und Kaffeetassen, die den Arbeitsalltag erträglicher machen. Schreibtisch an Schreibtisch, Rücken an Rücken sitzen die Angestellten da und unterhalten sich. Doch niemand in dieser kleinen, staubigen Bürowelt vermag den deutschen Gästen weiter zu helfen. Als sie im letzten Zimmer hinten links nur noch einen abgedunkelten Raum mit Baby- und Kinderbettchen vorfinden, in denen Kleinkinder - morgens um 11 Uhr - mucksmäuschenstill unter dünnen Deckchen schlafen (vielleicht die Kinderkrippe?), ist den beiden endgültig klar: "Hier sind wir falsch!"
Ein hilfsbereiter Mensch schickt sie in den zweiten Stock. Ein Blick in den unbeleuchteten Aufzug genügt und unsere Besucher entscheiden sich spontan dazu, die Treppe zu benutzen (getreu dem Motto: Es gibt viele Geschichten über Aufzüge in Kairo - glauben Sie sie alle!). Aber auch im nahezu identisch wirkenden langen Flur mit nasszellengroßen Büros auf der zweiten Etage kann man mit dem Zettel nichts anfangen, vermag niemand zu helfen.
Weiter geht die Odyssee durch die Mugamma. Vielleicht im vierten Stock? Oder doch im zweiten? Sie könnten es noch im fünften Stock versuchen... (Hatte ich schon einmal erwähnt, dass ein freundlicher und höflicher Ägypter, nach dem Weg gefragt, lieber jemanden in die Irre schickt als zuzugeben, dass er nicht weiter helfen kann?)
Im wirklich schäbigen fünften Stock platzt dem Gast aus Deutschland der Kragen: Kurzerhand "kidnappt" er einen der Beamten und bedeutet ihm, sie zu begleiten, bis der richtige Büroraum gefunden ist. Nun sind sie zu dritt unterwegs; der gemeinsame Weg führt sie zunächst zu einer Art Postverteilstation, eine riesige, über drei Meter hohe Halle, die aber bis auf Förderbänder und Rutschen für die potenzielle Beförderung von Post leer ist, kein Brief ist zu sehen. Links sitzen Frauen, die unsere Besucher auf den Nebenraum verweisen. Aber auch dort gilt: Fehlanzeige.
Spätestens jetzt hätten die meisten von uns aufgegeben und Euro Euro sein lassen. Nicht so die hartnäckigen Helden unserer Geschichte: Irgendwie landen sie nach einer weiteren Viertelstunde des Suchens und Befragens eines zusätzlichen Dutzends von Angestellten erneut im vierten Stock. Dort, ganz hinten oben rechts, direkt neben der Toilette (deren Zustand mir als schlichtweg unbeschreiblich geschildert wurde) endlich die Erlösung: An einem Schreibtisch Marke DDR sitzt ein Sachbearbeiter, Zigarette rauchend und schwatzend. Nicht nur, dass er anwesend ist und nicht gerade einer Nebentätigkeit nachgeht, um seinen kargen Lohn aufzubessern. Nein, er scheint sich auch tatsächlich für die Angelegenheit zuständig zu fühlen! Nachdem die Mitausgereiste ihren Ausweis vorgezeigt hat, öffnet er einen antik wirkenden Tresor, an dem sich links und rechts große Handräder befinden. Innen kommt eine riesige Registratur zum Vorschein. Und darin befindet sich, man glaubt es kaum, ein Karteiblatt mit angetuckertem 50-Euro-Schein. Wie viele Karteiblätter von ähnlich gelagerten Fällen mögen hier wohl schlummern und auf ähnlich geduldige Empfänger warten?
Nochmals muss der Ausweis vorgezeigt werden, mit dem der Sachbearbeiter verschwindet. Nach langen 20 Minuten kehrt er mit einer Ausweiskopie zurück, die mit drei Stempeln und drei Unterschriften versehen ist. Nun kann das Geld übergeben werden. Nur noch eine Empfangsbestätigung ihrerseits ist vonnöten, die wiederum vom Sachbearbeiter unterschrieben und abgestempelt wird, dann kann er alle Papiere zusammen tuckern und in einer Mappe auf seinem Schreibtisch verstauen.
Abschließend gilt es noch, eine kleine Gebühr für die Auslagen (Stempelfarbe?) zu zahlen. Mit dem Wechselgeld, 25 Piaster, werde er gleich zurück kommen, versichert der Angestellte. Erschrocken springen unsere bisher gelassenen Besucher auf, nun ist doch auch ihre Geduld am Ende, nicht noch einmal 20 Minuten warten! Nach einer kurzen Diskussion können sie den Sachbearbeiter überzeugen, das Wechselgeld als Taschengeld zu behalten. Mit einem herzlichen Lachen werden die Besucher verabschiedet. Nett war er ja, der Sachbearbeiter, ebenso wie seine vielen Kollegen und Kolleginnen, denen die beiden auf ihrer Reise durch die Flure und Büros begegnet sind. Dennoch lautet ihr Gesamteindruck über die in der Mugamma Tätigen: "extrem nett - aber auch extrem unwissend".
Die Ägypter machen ihrer Frustration und Resignation über die Zustände in dem staatlichen Verwaltungsgebäude durch unzählige Witze und Anekdoten Luft. In seinem Film "Kebab we Irhab" (Kebab und Terrorismus) karikiert der Regisseur Adel Hussein gar die unüberschaubaren und ineffektiven Vorgänge dort, indem er seinen Protagonisten, der zur Klärung einer Kleinigkeit das Gebäude betritt, nach einigen Tagen als Terrorist wieder heraus kommen lässt: In seiner Verzweiflung hatte der unangehörte Bittsteller Geiseln genommen. Da ist es nur gut, dass unsere Besucher der Mugamma ihr Ziel in verhältnismäßig kurzer Zeit erreicht haben und heil wieder hinaus gekommen sind.
Odysseen durch den Bürokratie-Dschungel erfordern in Ägypten eindeutig mehr Geduld als in der Heimat, was nicht nur am Sprachproblem liegt. Haben Sie mal versucht, selber ein Auto in Ägypten anzumelden? Spießruten laufen ist ein Klacks dagegen. Glaubt man sich endlich kurz vor dem Ziel, droht die nötige Unterschrift noch am fehlenden Kugelschreiber zu scheitern. Noch schwieriger gestaltet sich die Anmeldung eines hier geborenen Kindes: Der deutsche Vater, der sich dieser unendlichen Aufgabe stellte, hätte es leichter gehabt, wenn er sein Kind zur Adoption frei gegeben hätte...
Oder die leidige Visageschichte: Manche Experten brauchen bzw. brauchten anfangs alle halbe Jahre ein neues Visum. Verlassen die Herren aber zwischendurch das Land - was durchaus wegen dringender Dienstreisen vorstellbar ist - wird jedes Mal ein neuer Aids-Bluttest fällig. Wer in Ägypten bleibt, muss sich keinem neuen Test unterziehen, er ist vor Aids anscheinend sicher. (Nichtwerktätige Mitausgereiste und Diplomaten müssen ebenso immun gegen die Immunschwächekrankheit sein, denn sie brauchen sich dem Test nie zu unterziehen.)
Dennoch höre ich auch Berichte von unbürokratischer Hilfe, nicht
selten am Rande der Legalität: von dem Fahrer, der für seinen Chef
Ersatz für die verloren gegangenen Fahrzeugpapiere beschafft - ohne einen
Nachweis vorlegen zu müssen, dass dem das Auto tatsächlich gehört.
Von der angeblich Schwangeren, die es - kurz vor der Ohnmacht stehend - schafft,
den gerade wegen Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit
verlorenen Führerschein zurück zu bekommen, usw. Es gibt immer Mittel
und Wege, aber die zu beschreiben wäre Stoff für eine neue Tagebuchfolge...
P.S. Die Großmutter hat hoch und heilig geschworen, kein Geld mehr schicken zu wollen. Und auch sonst wurde jeder aus der Familie gebeten, Geldscheine lieber im Portmonee zu lassen. Obwohl: Eigentlich weiß unsere Mitausgereiste doch inzwischen, wohin und an wen sie sich wenden muss. Aber ob das auch noch beim nächsten Mal gilt?