Lesen im Gedränge: Impressionen von der Kairoer Buchmesse

von Michaela Grom

Die Kairoer Buchmesse ist ein Ereignis. Und sie ist ein besonderes Erlebnis - vor allem im Vergleich mit den Messen in Frankfurt und Leipzig. Die Buchmessen in Deutschland unterscheiden zwischen Fachbesuchern und Publikum. Wer als Fachbesucher kommt - d.h., als Autor, Verleger, Buchhändler oder Journalist -, der genießt den Luxus, in den ersten Tagen "unter seinesgleichen" zu sein. Buchhändler befragen Autoren, Verleger verhandeln mit potentiellen Lizenznehmern, Journalisten führen Interviews und Hintergrundgespräche, so mancher Verlag versucht mit groß angelegten Präsentationen das Medieninteresse anzustacheln. Wer nicht als Fachbesucher kommt, der muss auf die Publikumstage warten. Zwar gibt es rund um das Messegeschehen etliche Veranstaltungen, Diskussionen und Lesungen, aber aufs Messegelände selbst "darf" das große Lese-Publikum erst relativ spät. In Frankfurt beispielsweise hat nur während der beiden letzten Tage auch die Öffentlichkeit Zugang. Und während so mancher Autor dann das Bad in der Menge genießt, versuchen andere Fachbesucher diese Tage zu meiden, des Gedränges wegen ...

Bei der Kairoer Messe ist das Gedränge vorprogrammiert und Teil der Veranstaltung, denn die Buchmesse Kairo ist eine Publikums- und Verkaufsmesse. So erklären sich auch die gigantischen Besucherzahlen: Nach offiziellen Angaben besuchten in diesem Jahr über vier Millionen Menschen die Buchmesse. Auf insgesamt 165.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche haben 3.125 Verlage und Aussteller aus 97 Ländern ihre Titel gezeigt. Wer einfach so übers Gelände schlendern und sich in den Hallen und Bücherzelten umsehen möchte, der sollte zeitig da sein. Spätestens zur Mittagszeit wird das Durchkommen zu den einzelnen Ständen schwierig, piepende Handys, schreiende Erwachsene, greinende Kinder, dazu lautstarke Hinweise auf besonders günstige Bücher lassen den Messebummel schnell zur Zerreißprobe für die Nerven werden. Wer ein viel versprechendes Buch entdeckt hat und darin blättern möchte, benötigt die Konzentrationsfähigkeit eines Zen-Mönches, um sich tatsächlich über den Inhalt klar zu werden. Außerhalb der Hallen sind die wenigen Bänke, die die tristen Asphaltstraßen säumen, bereits von picknickenden Familien besetzt. Verweilen? Ausruhen? Fehlanzeige! Zurück in die Hallen...

Der Blick aufs Angebot der zum Verkauf stehenden Bücher macht deutlich, was in Ägypten derzeit am meisten gefragt ist: Abhandlungen über Glaubensfragen, religiöse Traktate und Tonträger. Mit den angebotenen Koranrezitationen auf CD oder Kassette wird oft auch gleich das Messegelände beschallt. Weiterhin gibt es ein breites Angebot an Computerhandbüchern und für die Kleinen jede Menge Lernmaterialien, Bücher, Hefte, Karten, CD-ROMs, viele bunt aufgemacht und schnellen Erfolg versprechend.

Im Vergleich zum Gedränge an den anderen Ständen ist es in der Halle mit den internationalen Ausstellern eher ruhig. Am deutschen Gemeinschaftsstand von Goethe-Institut, Deutscher Welle und Frankfurter Buchmesse lässt sich in einer Auswahl von Kinder- und Jugendbüchern schmökern, die "Schönsten Bücher des Jahres 2001" sind ausgestellt. Welch angenehmer Kontrast - hier kann man sich auf einem der bereitstehenden Stühle niederlassen und in Ruhe ein Buch durchblättern.

Auch in diesem Jahr gab es wieder einen "Deutschen Tag", der von vielen Messebesuchern als Gelegenheit angenommen wurde, sich über das deutsche Angebot zu informieren. Schnupperstunden für Deutschunterricht wurden angeboten, in Ägypten ansässige deutsche Unternehmen und Institutionen stellten sich vor, Studenten erkundigten sich eingehend nach Fachbüchern vor allem der Themenbereiche Ingenieurswesen und Naturwissenschaften.

Im weiteren Veranstaltungsprogramm moderierte Georges Khoury von der Deutschen Welle eine Diskussion zur Rolle der Literatur im Dialog der Kulturen; Georg Stein, engagierter Leiter des in Heidelberg ansässigen Palmyra-Verlages, stellte sein Buch "Ein Tag im September - Der 11.9.2001" vor. Hier wurden Brücken geschlagen zwischen Kontinenten und Kulturen in einer Zeit sich verhärtender Fronten; es waren Versuche der Differenzierung in einer Stimmung des "Wer-nicht-für-uns-ist-ist-gegen-uns".

In Zukunft sollen die Brücken verbreitert und verstärkt werden: Als Volker Neumann Chef der Frankfurter Buchmesse wurde, hat er angekündigt, die Reihe einzelner Gastländer - zuletzt Griechenland, dann Litauen, in diesem Jahr wird es Russland sein - durch Gemeinschaftsauftritte gleich mehrerer Staaten zu ergänzen. Für die erste Gemeinschaftspräsentation im Oktober 2004 wurden die Staaten der Arabischen Liga nach Frankfurt eingeladen. Etlichen deutschen Zeitungskommentatoren entfuhr ob dieser Entscheidung ein Aufschrei des Entsetzens. Befürchtungen wurden laut, Frankfurt könne möglicherweise zur Plattform für aufwieglerisches Schrifttum werden, Fragen wurden laut, wie man denn umgehen solle mit dem Liga-Mitglied Irak, vielerlei Ängste schienen durch, die sich mehr aus Unkenntnis denn aus Sachargumenten speisten.

Natürlich gibt es bei einem solchen Schwerpunkt mehr zu bedenken als bei einem Gastlandauftritt z.B. Kanadas, das zunächst auch im Gespräch war. Die Entscheidung, die neue Reihe der Gemeinschaftspräsentationen gleich mit einer 22 Staaten umfassenden Region zu eröffnen, ist sicherlich kühn und wird eine logistische Herausforderung ersten Ranges darstellen. Ob die Länder, in denen autokratische und repressive Regime herrschen, überhaupt merklichen Einfluss haben, muss abgewartet werden. Auch muss geklärt werden, wo und in welcher Form sich beispielsweise die Exilverlage präsentieren können.

Aber insgesamt sollte es doch positiv gewertet werden, dass dem arabischen Kulturraum mit der Einladung zur Frankfurter Buchmesse eine Aufmerksamkeit zuteil wird, die sonst von Katastrophenmeldungen und Negativschlagzeilen absorbiert wird. Viel wird nun davon abhängen, wie die eingeladenen Länder diese Möglichkeit zur Präsentation nutzen.

Eine schöne Vorstellung - vielleicht auch nur eine Träumerei: So, wie auf der diesjährigen Kairoer Messe deutsche Literatur in arabischer Übersetzung präsentiert wurde - Musils "Mann ohne Eigenschaften" zum Beispiel - , so könnte dann bei der Frankfurter Messe 2004 der Blick des deutschen Lesepublikums über die große Bandbreite durch Übersetzung zugänglich gemachter arabischer Literatur schweifen. Sich irgendwo festlesen, eine Entdeckung machen, vielleicht sich mitten im Trubel eine kleine Liste anfertigen mit Büchern, die man unbedingt lesen will - zu Hause, in aller Ruhe, ohne Gedränge.

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