"10th EGYPTIAN MARATHON"

Ein Lauf der besonderen Art

von Jutta Zeppelzauer

Luxor STOP Freitag, der 7.2.2002 STOP 5 Uhr morgens STOP Weckruf!!! STOP

Damit beginnt kein Tag wie jeder andere...

Ein Spießrutenlauf für nervenstarke Läufer, ein Augenschmaus für Kulturbegeisterte, ein Erlebnis für Mann und Frau: der 10. Marathonlauf in Ägypten.

Nach einigen Telefonaten und E-Mails hatten wir doch noch unsere Anmeldungen in der Tasche; unsere Flüge Kairo-Luxor waren gebucht, so stand dem Lauf "nur" noch die mangelnde Kondition im Wege. Der winterliche Smog - nein, es sind wirklich keine Staubwolken! Spätestens dann, wenn man über Kairo hinwegfliegt, wird dies der vehementeste Patriot bestätigen müssen - hielt uns über zu lange Zeit davon ab, die nötigen Kilometer in die Beine zu bekommen. Wenigstens hatten wir eine gute Ausrede... Aber die ganz besonders Eifrigen wurden am Tag vor und nach dem Lauf noch joggend gesehen.

Ob in Berlin, London, Paris oder Wien. Ob in New York, Kapstadt, Tokio oder Sydney. Alle Marathons - die Liste ließe sich nahezu endlos fortsetzen - haben eines gemeinsam: Die Massen schieben sich durch die Großstadtstraßen. Beim Start schon lautet das oberste Gebot: nur nicht fallen! Tausende haben ein gemeinsames Ziel vor Augen: sich selbst zu besiegen! Ob das auch in dem kleinen Örtchen Luxor so sein würde?

Pünktlich um 7.30 Uhr fiel der Startschuss. Mit Verspätung setzte sich die ca. 300 Frau und Mann starke Marathontraube, man könnte fast sagen "gemütlich", in Bewegung. Die meisten waren wohl noch damit beschäfigt, sich am Anblick des Tempels der Hatschepsut zu erfreuen, oder war die Pistole eingerostet? Es wurde zwar bei jedem Teilnehmer die Zieleinlaufzeit gestoppt, beim Start jedoch ging es zwangsläufig etwas chaotischer zu: Man stelle sich vor, ca. 300 LäuferInnen/In-Line-SkaterInnen/ Rollstuhlfahrer schlüpfen zeitgleich durch ein Nadelöhr... Aber so ersparte man sich wenigstens das Tragen von Zeitmesschips.J Nach dem ersten Kilometer sorgten einfallsreiche Läuferinnen schon für Erstaunen: Anstatt die S-Kurve auszulaufen, wurde der kürzeste Weg gewählt. Eine allzu verführerische Abkürzung - der Lauf "der besonderen Art" hatte nun richtig begonnen... Die Marathonläufer hatten vier Runden vor sich, die sie am Tempel des Amenophis, am Eingang zum Tal der Königinnen, am Tempel des Ramses III., den Memnon-Kolossen, ca. 2 km am El Fadlya Kanal entlang und wiederum ca. 2 km aufwärts zum Ausgangspunkt, der sich am Taleingang zum Tempel der Hatschepsut befand, vorbeiführten. Die Halbmarathon-Läufer "durften" sich diese antiken Schätze nur zwei Mal ansehen.

In verschiedenen Disziplinen erreichte die folgende Anzahl an TeilnehmerInnen erfolgreich das Ziel:
· Marathon (42,195 km) W 15/ M 79
· In-line-Skate (42,195 km) W 9/ M 21
· Rollstuhl (42,195 km) M 18
· Halbmarathon (22,289 km) W 25/ M 67
· Ramsis-Lauf (12,336 km) W 94/ M 53

Wo und wann immer man wollte, konnte und durfte man seine bewunderswerten Lauffreunde anfeuern. Die gesamte Strecke war gegen den Uhrzeigersinn einspurig befahrbar. Ganz besonders praktisch war das für die schon müden ägyptischen Läuferinnen, die nach und nach auf dem von ihnen gestoppten Pick-up Platz nahmen, um sich so ein bisschen das Leben zu erleichtern. Es waren keine Preisträgerinnen dabei, davon konnte man rein optisch gesehen, ausgehen. Außer den Läufern, Walkern, In-Line- Skatern und Rollstuhlfahrern tummelten sich auf dem abgesperrten Fahrstreifen noch Esel, Pferde, Busse, Autos, Kutschen, Polizei und jede Menge Kinder...

Besonders erwähnenswert scheint mir, dass diese einheimischen Kinder die Läufer über lange Wegstrecken hinweg über die gesamte Dauer des Laufes anfeuerten und begleiteten. Die Volksfeststimmung war entlang der ganzen Strecke anhaltend groß und ausgelassen. Einer dieser Fans war besonders hartnäckig: Das Mädchen lief über mehrere Kilometer in "Gummischlapfen" (flip,flap,flip,flap...) zwischen meinen Freunden her, um sie zu unterhalten! Ohne dabei den Atem zu verlieren, erbat das Kind Zuckerln, Kugelschreiber und Bakschisch - der Erfolg blieb freilich aus, wer läuft schon mit Gepäck?

Ein großes Lob gebührt den Organisatoren! Entlang der Strecke und rund um den gesamten Ablauf klappte die Versorgung und Betreuung bestens (der Spießrutenlauf schien niemanden sonderlich zu irritieren): Alle 2,5 Kilometer erwartete die Tapferen Wasser und Bananen.

Die Teilnehmer aus 24 Nationen kamen mit den klimatischen Unterschieden anscheinend gut zurecht. Die größte Hürde bei diesem Lauf, nämlich der stetig ansteigende Zieleinlauf mit Blick auf den Hatschepsut-Tempel (das Ziel bzw. der Gipfel kommt einfach nicht näher!) wurde zum Glück nicht auch noch durch übermäßige Hitze erschwert. Vielen Läufern hilft es, sich von den Massen mitreißen zu lassen, hier fiel diese Hoffnung leider flach. Wurde kein gleich starker Mitläufer gefunden, war man über weite Strecken mit sich selbst allein.

Alle, die das Ziel erreichen, sind Gewinner. Wer einmal dieses Gefühl gespürt hat, weiß, wie unbeschreiblich schön dieser Sieg über sich selbst ist. Wenn man sich nicht mehr erinnern kann, wieso man noch sprinten konnte, wenn der Körper abwechselnd von Kälte- und Hitzewellen genährt wird, wenn der Geist beflügelt, wenn man die Schmerzen nicht mehr wahrnimmt. Wenn man trotz dieser Verausgabung von Körper und Geist nach fünf Minuten wieder davon sprechen kann, welcher Marathon als Nächstes gelaufen werden soll und wie man dafür viel gezielter und besser trainieren wird, dann wird klar: Man ist von der Laufsucht befallen.

Leider kann ich von der Siegerehrung im Zielraum direkt nach dem Lauf nicht berichten. Anzunehmen ist, dass es sehr turbulent zugegangen sein muss. Von der Blaskapelle und orientalischen Klängen bis zu den ägyptischen "Rap Dancern" war schon Stunden vorher alles vorhanden. Die Ansprachen, die vor dem Gala-Dinner am Abend zu Ehren der Läufer gehalten wurden, schienen mir eher für die Kameras gedacht gewesen zu sein, was ich persönlich sehr schade finde, aber Eitelkeit ist eben nur allzu menschlich. Die Teilnehmer hatten sich ihr Essen wahrlich verdient, so konnten die Ausgehungerten die Beendigung dieses TV-Schauspiels kaum mehr erwarten. Der "Run" zum Buffet war dem Marathon würdig: In einer halben Stunde war diese Schlacht geschlagen, da blieb kein Körnchen Reis auf dem Teller...

Selbst Läufern wie mir, die gar nicht teilgenommen hatten, wurden Medaillen ausgehändigt, was die Leistungen der Sieger jedoch nicht schmälern soll:

Giorgio Calcaterra (ITA) gewann den Marathon der Männer in 2:22:37.
Loredana Ricci (ITA) gewann den Marathon der Frauen in 3:00:49.
Die Gesamtergebnisse und weitere Informationen finden Sie unter: www.egyptianmarathon.com

Alle Laufbegeisterten, die zeitlich oder örtlich verhindert, untrainiert oder uninformiert waren, können sich schon jetzt den Termin für nächstes Jahr vormerken: Freitag, 20.2.2004 in Luxor.

· Der Weg ist das Ziel!
· Für jeden Teilnehmer ein persönlicher Gewinn!
· Die Kraft des Geistes...

In diesem Sinne, viel Spaß beim Trainieren und viel Glück beim nächsten Marathon!

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