Am See entlang nach Dionysias: Birket el-Qarun und Qasr Qarun im Faijum
von Bettina Knauth
Eines unserer beliebtesten Ziele für einen Freitagsausflug ist die Halboase Faijum, wie bereits in der letzten Ausgabe erwähnt. Zum einen wegen der Schönheit ihrer fruchtbaren Landschaft und ihres vorzüglichen Klimas, zum anderen wegen ihrer geschichtlichen Sehenswürdigkeiten. Wenn auch die Tempel, Pyramiden und Ruinen des Faijum historisch von geringerer Bedeutung sind als diejenigen in Oberägypten, Gizeh, Sakkara und Dahschur, so lohnt ihr Besuch durchaus. Von Kairo aus lassen sie sich in einer guten Autostunde erreichen. Heute und in den nächsten Ausgaben wollen wir unsere kleine Faijum-Reihe fortsetzen.
Der erneute Ausflug ins Faijum führt uns am Ufer des Qarunsees entlang zur Westspitze des Sees und dem dort liegenden Tempel Qasr Qarun. Rund 50 Kilometer lang und maximal zehn Kilometer breit ist der Salzwassersee im Nordosten, dem die ganze Oase ihren Namen verdankt: "El-Faijum" geht zurück auf das koptische "Phiom", der See. Dieser unter dem Meeresspiegel liegende See bedeckte ursprünglich fast die gesamte Oase, bis die Pharaonen der 12. Dynastie die Regulierung des Bahr Yussuf veranlassten, der die Oase speiste. (Damals war der Bahr Yussuf ein Nil-Seitenarm, heute ist der Zufluss ein Kanal.). Somit konnte der Wasserspiegel langsam abgesenkt und fruchtbares Ackerland gewonnen werden. Das intensiv be-wirtschaftete Südufer des Sees steht in reizvollem Kontrast zum in der Wüste gele-genen Nordufer. Das schwach salzige, grünlich-schlammige und manchmal leicht schwefelig riechende Wasser lädt nicht zum Baden ein, dennoch ist die Uferregion an Wochenenden oft überfüllt von einheimischen Ausflüglern.
Die Uferstraße führt entlang an der "Auberge du Lac" im Fischerdorf Schakschuk, die sich für eine kurze Rast anbietet. Von der Terrasse hat man einen schönen Blick auf den See. Das heutige Hotel war früher eine Residenz von König Faruk, sogar Churchill war hier schon zu Gast. Weiter geht die Fahrt durch die fruchtbare Landschaft, die immer wieder reizvolle Fotomotive bietet. Am Straßenrand mühen sich die Bauern mit dem Anbau von Baumwolle und Gemüse, vereinzelt sieht man Kühe sowie Schaf- und Ziegenherden. In den letzten Jahren sind hier am Seeufer in direkter Nachbarschaft von Feldern und Palmenhainen einige Siedlungen für Wochenendausflügler entstanden.
An der Westspitze des Qarunsees erreicht man den kleinen Ort Qarun. An dieser Stelle lag die Stätte des alten Dionysias; Militärposten kassierten hier Zölle von den Karawanen, die von den Oasen im Westen kommend vorbei zogen. Unter dem römischen Kaiser Diokletian wurde die Siedlung an dieser strategisch wichtigen Stelle befestigt, eine größere Garnison wurde in einer neuntürmigen Festung aus gebrannten Ziegeln und Kalksteinquadern untergebracht. Ursache für die Befestigung und Truppenstationierung waren vermutlich Überfälle von Beduinen.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fanden erste Ausgrabungen in der Siedlung am Rande des Ortes Qarun statt. Doch die dabei frei gelegten, mit Fresken geschmückten Häuser, Werkstätten von Glasmachern und Badehäuser sind heute leider wieder mit Sand bedeckt.
Neben den Resten der alten Siedlung liegt der Tempel Qasr Qarun. Außenmauern, Tempelinneres und Dach sind erstaunlich gut erhalten, denn der spätptolemäische Tempel wurde aus Blöcken sehr harten Kalksteins errichtet. Der Tempel misst an der Frontseite gut 19 Meter, in der Länge 27 Meter.
An der Ostseite des Tempels befinden sich die Überreste eines Vorhofes, einer 13 Meter großen, hochaufgemauerten Plattform. Nördlich der Eingangstür schmiegt sich eine Halbsäule an die Tempelfront - ein Rest der ehemaligen vorgebauten Säulenhalle. Durch den Vorhof gelangt man zum Eingangstor. Im Tempelinnern betritt man die dem Kultus geweihten Räume des Tempels, zunächst drei Vorsäle, deren Böden kontinuierlich nach hinten - hin zum Allerheiligsten - ansteigen. Nach Durchqueren des dritten Raumes ist das Allerheiligste erreicht, das sich nach hinten zu ebenfalls in drei, allerdings kleinere Räume gliedert. Zur Linken und Rechten ist es von zwei schmalen Gängen umgeben, an denen je drei Kammern liegen. Uräusschlangen ersetzen das übliche Hohlkehlengesims über den Türen zum Allerheiligsten sowie zum zweiten und dritten Vorsaal. Nebenräume der Vorsäle führen in den unterirdischen Keller und zu zwei Treppen, über die man das oberste Stockwerk und das Dach erreicht.
Im Obergeschoss gehen von einem Korridor beidseitig insgesamt vierzehn Räume zu drei kleinen Kulträumen ab. An der höchsten hinteren Wand befinden sich zwei Reliefs des widderköpfigen Gottes Amun-Chnum. Wunderschön ist der Blick vom Dach über das versandete Dionysias und über den Ort hinweg auf den Qarunsee.
Alte Inschriften sind nicht vorhanden. Über jeder Pforte ist nur die Flügelsonne zu sehen. Wie andere Tempel der Region wird Qasr Qarun überwiegend dem Krokodilsgott Sobek zugeschrieben, doch wird auch spekuliert, dass er Amun-Chnum geweiht war. Darauf würden dessen Bilder an der Hinterwand im offenen Dachgeschoss des Tempels hindeuten.
Wendet man sich vom Tempel in Richtung Osten, so trifft man auf zwei weitere kleine Tempel, die ebenfalls relativ gut erhalten sind. Der kleinere von beiden liegt in der Achse des beschriebenen Tempels und ist ein Kiosk, der vom Grundriss her an den Kiosk von Philae erinnert. 200 Meter weiter befindet sich ein etwas größerer Tempel mit Mauern aus gebrannten Ziegeln, die mit Quadern unterbaut sind. Das Allerheiligste wird von einer Nische in Form einer Apsis begrenzt. An den Seitenwänden stehen noch je zwei Halbsäulen in Form von Pilastern.
Anfahrt:
Derzeit scheint es unvermeidlich, dass man an der Kontrollstelle am Eingang des Faijum ein Polizeifahrzeug als Begleitung mitbekommt, auch wenn wir nie den Eindruck hatten, dass ein solcher Schutz nötig ist. Der Polizeischutz hat den praktischen Vorteil, dass man die beschriebenen Stätten nicht selber suchen muss: einfach den Männern das Ziel nennen und ihnen folgen.
Ansonsten biegt man kurz nach Passieren der Kontrollstelle und der Ausgrabungsstätte Karanis (auf der linken Straßenseite) rechts in Richtung "Wadi el Rayan" und "Auberge du Lac" ab. Die Abzweigung ist gut beschildert. Nun einfach der Straße folgen, die sich am Seeufer entlang schlängelt. Die Auberge erkennt man von weitem an einer Brücke über die Straße (18 km ab Abzweigung). Nach Qasr Qarun kommt man, indem man kurz vor dem Seeende der Abzweigung links Richtung Wadi el Rayan folgt (ca. 30 km ab Au-berge, Abzweigung ist beschildert) und nach Überqueren eines kleinen Kanals (2 km ab Abzweigung) rechts abbiegt. Der Straße 8 km folgen, bis links der Tempel auftaucht; er ist nicht zu übersehen.
Noch eine Anmerkung zu den Eintrittspreisen: Es kostete uns einige Mühe
und Zeit, die Männer am Tickethäuschen davon zu überzeugen, dass
wir für unsere kleinen Kinder nur die Hälfte der pro Kopf verlangten
LE 16 zahlen wollten!
Quelle:
Die Beschreibung des Tempels beruht auf Baedekers Ägypten, Stuttgart 1988,
S. 181.