Zahltag in Österreich
Am 24. November hat Österreich gewählt - Kairoer Wahlparty mit Hochstimmung
von Marieke Zimburg
· Wird er´s schaffen?
· Wird er nicht?
· Hat er doch zu hoch gepokert?
· Und vor allem: was wird ER dann machen...???
Wo immer in den Tagen vor der Wahl hier Österreicher aufeinander trafen, schwirrten unweigerlich ebendiese Fragen hin und her, wurden mit bedenklichen Gesichtern mögliche, wahrscheinliche oder auch unwahrscheinliche Ergebnisse diskutiert, das jeweilige Für und Wider erwogen und besorgt auf die Folgen hingewiesen...
Wohl noch selten zuvor war der Ausgang einer Nationalratswahl in Österreich mit solcher Spannung erwartet worden: Bestand doch diesmal die Möglichkeit, dass seit Jahrzehnten fast unverrückbar etablierte Machtverhältnisse aus den Fugen gerieten.
Seit exakt 36 Jahren stellte die Sozialistische Partei Österreichs, die SPÖ, die Mehrheit und mithin bis vor zwei Jahren die Regierung, meist in Koalition mit der ÖVP, der christlich-konservativen Österreichischen Volkspartei. Diesem im Laufe der Jahre immer träger werdenden Pferd erstand, um bei einem Bild des Sokrates zu bleiben, eine höchst beunruhigende und aggressive Bremse, deren fortgesetztes Stechen nicht ohne Erfolge blieb. Der charismatische, mit ungehemmt nationalistisch-populistischer Verve agierende Kärntner Jörg Haider erfreute sich eines Zuspruchs, der in seinem rasanten Wachstum schon fast an eine Lawine erinnerte. Bei etwa fünf Prozent herumdümpelnd, hatte er Ende der Achziger Jahre die Freiheitliche Partei Österreichs, die FPÖ, übernommen, um sie bei der letzten Wahl tatsächlich mit fast 28 Prozent zur zweitstärksten Kraft im Lande zu machen. Stimmenstärkste Partei war wieder einmal die SPÖ geworden - und die ÖVP unter ihrem Obmann Wolfgang Schüssel sah sich auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Jeder erwartete bereits gähnend weitere Jahre einer großen Koalition, als das Unerhörte geschah: Schüssel holte tief Luft, riss, ehe alle wussten, wie ihnen geschah, das Gesetz des Handelns an sich und bildete unter dem empörten Aufschrei des übrigen Europa eine Regierung mit der FPÖ. Daran sollte auch die absurde und völlig danebengegangene Verhängung von Sanktionen der EU über Österreich nichts ändern.
Nun war die FPÖ dort, wo sie sich so lautstark hinreklamiert hatte: an der Macht. Und zum großen Staunen der einen wie der anderen zeigte sich alljetzt Verschiedenes:
Erstens: Österreich versank nicht augenblicklich in wahlweise Anarchie
oder Diktatur.
Zweitens: Es gab tatsächlich ein paar Leute in der FPÖ, die vernünftige
Arbeit zu tun im Sinne hatten.
Drittens: Jörg Haider gehörte nicht zu diesen.
Und viertens - das wurde am 24. November klar: eine gute Demokratie hält
sogar jemanden wie ihn aus.
Da die bald immer irrationaler agierende Kärntner Polit-Diva es ganz offensichtlich nicht verwinden konnte, dass die Rampenlichter zunehmend weniger auf ihm ruhten, seitdem er sich offiziell aus der Bundespolitik auf den Sessel des Landeshauptmanns von Kärnten zurückgezogen hatte - es wäre eine FPÖ unter ihm für das Ausland inakzeptabel gewesen - suchte er sich mit Querschlägen gegen seine eigene Regierungsmannschaft und abstrusen Aktionen aller Art in Präsenz zu halten.
Schließlich hatte er geschafft, was offenbar anders geplant war: Sein letzter Coup hatte die Regierung in die Luft gesprengt. Die drei wichtigsten Mitglieder der Führungsriege der FPÖ traten zurück und Neuwahlen wurden unausweichlich.
Die nun sollten am 24. November stattfinden und manch einer der Auslandsösterreicher in Kairo hatte sich schon damit abgefunden, das mit so flauem Magen erwartete Ergebnis dieser Wahl, von dem jedem klar war, dass mehr als sonst davon abhängen würde, erst verspätet oder höchstens mittels Anruf in Österreich zu erfahren, denn mit dem hier üblichen Satellitenanschluss ist keiner der österreichischen Sender zu empfangen.
Doch siehe da: Einige Tage zuvor hielten plötzlich alle Kairoer Österreicher hocherfreut eine Einladung zu einer Wahlparty in Händen: Handelsdelegierter und Kanzler der Botschaft hatten sich des Informationsnotstandes ihrer Landleute erbarmt und sich entschlossen, sie an dem bei ihnen speziell eingerichteten Empfang der ORF-Sender teilhaben zu lassen.
Den am Wahlabend folglich zur Wohnung des Handelsdelegierten Rudi Lukavsky strömenden Gäste präsentierte sich schon fast eine Multimedianstallation, vom ältesten Sohn des Hauses mit kundiger Hand eingerichtet: zwei große Fernseher und eine Filmleinwand im Garten, die Akustik in Quadrophonie. Wie immer im Hause Lukavsky bog sich der Tisch vor lauter Köstlichkeiten - der zur Dämpfung der Aufregung gereichte funkelnde Wein (natürlich ein österreichischer!) musste also nicht einer angemessenen Unterlage entbehren...
Um sich für die in Bälde zu erwartende erste Hochrechnung zu wappnen, stürmte man auch alsbald das Buffet, diskutierte noch ein letztes Mal, ob Schüssels hohes Pokern sich ausgezahlt hatte, was die SPÖ aus der Situation hatte machen können und ob Jörgl und die FPÖ für das von ihnen veranstaltete Fetzentheater wohl die Rechnung präsentiert bekämen, und nahm schließlich um Fernseher und Leinwand Platz. Voll Spannung waren alle, besonders aber die Belegschaft der Botschaft, würden sie doch die Auswirkungen am unmittelbarsten zu spüren bekommen - dementsprechend saß Botschafter Trauttmansdorff schon beinahe im Bildschirm und vergaß gänzlich auf den gefüllten Teller vor ihm.
Es war wenige Minuten vor sechs Uhr und die Kameras des ORF glitten über Szenarien hektischer Vorbereitungen für die Sendung, Wahlkarten sortierende Helfer, Politiker mit gezwungenem Lächeln auf raschem Weg von hierhin nach dorthin und konzentriert arbeitende Fernsehtechniker, die stirnrunzelnd damit befasst waren, Ordnung in undurchschaubare Kabelsalate zu bringen.
Endlich der Count-down - es ist sechs Uhr. Der Fernsehsprecher erscheint, alle verstummen, die beladene Gabel bleibt auf halbem Weg in der Luft hängen. Dann öffnet der Sprecher inhaltsschwanger den Mund - und den Anwesenden verschlägt es zunächst die Sprache.
Erst die Grafiken lösen den Bann und zeigen, was im ersten Moment keiner glauben kann: einen schwarzen Stimmenturm, der wächst und wächst und wächst - ein wahrer Erdrutschsieg der ÖVP, mit dem größten Stimmenzuwachs einer Partei seit Bestehen der Zweiten Republik, in der ein Gewinn von beispielsweise fünf Prozent eine Sensation darzustellen pflegte: Unglaubliche 16 Prozent hatte die Volkspartei zulegen können - und da sie von sehr vielen derer gewählt worden war, die jetzt hier vor dem Bildschirm klebten, ging der Rest der Ansage in den nunmehr ausbrechenden Rufen des Staunens und der Freude unter - umsomehr, als klar wurde, woher die Stimmen gekommen waren: Die FPÖ Jörg Haiders - und das war sie, trotz anderem Vorsitzendem - hatte einen so kapitalen Absturz erlitten, dass einem die Luft wegbleiben konnte: von 27 Prozent bei den vorigen Wahlen auf ganze zehn Prozent! Dass die SPÖ respektabel dazugewonnen und die Grünen das beste Ergebnis ihres Bestehens eingefahren hatten und nur um ein paar Tausend Stimmen hinter der FPÖ lagen, fiel schon kaum mehr ins Gewicht!
Zum ersten Mal seit 36 Jahren hatte die Volkspartei wieder eine Nationalratswahl gewonnen - und dann auch noch so eindrucksvoll! Aber auch die SPÖ und die Grünen konnten wirklich zufrieden sein, war ihnen durch ihre Stimmengewinne doch das gelungen, was sie am meisten gewünscht hatten, nämlich ihren persönlichen Polit-Gottseibeiuns Jörg Haider vielleicht für immer in sein Bärental zu verbannen. (In der FPÖ-Hochburg Kärnten hatten die Freiheitlichen fast 21 Prozent verloren!)
Dementsprechend in Hochstimmung stürmten alle gleich noch einmal das Buffet und prosteten sich zu - überall nun entspannte und lachende Gesichter, die Diskussionen jetzt ausgelassen und fröhlich. Wieder zurück zu den Bildschirmen: die ersten Stellungnahmen aus den Parteizentralen. Aus jener der ÖVP naturgemäß Jubel und Triumphgeheul, in dem die Worte der Parteisprecherin fast zur Gänze untergehen; Gedämpftere Stimmung bei SPÖ und Grünen - die Wahlprognosen hatten die SPÖ ganz knapp vor der ÖVP und große Zugewinne für die Grünen vorhergesagt - und bei der FPÖ stand ein vereinsamter, allseits unbekannter Funktionär dem Reporter gegenüber und gestand, sichtbar geknickt, das Offenkundige ein. Etwas später der unumstrittene Sieger der Wahl: Wolfgang Schüssel. Sich bescheiden gebend, schließt er seinen Kommentar mit der Feststellung, erst einmal feiern und dann schlafen zu wollen. Jörg Haiders Name wird an diesem Abend - undenkbar bei den vorangegangenen Wahlen! - nicht einmal erwähnt.
Dann gehen die Grafiken und Analysen weiter: Mit 85 Prozent die höchste Wahlbeteiligung seit langem - auch hier in Kairo hatten diesmal viele gewählt, denen sonst der Papierkrieg um die Auslandswahlkarten zu mühsam war - und ein Großteil der Erstwähler hatte sich erstaunlicherweise für die christlich-konservative ÖVP entschieden.
Bald erlahmt das Interesse für die Parteipräferenzen der einzelnen Berufsgruppen etwas und die Gespräche wenden sich zunehmend anderen Themen zu. Die Stimmung ist bestens und noch lange steht die Österreicher-Runde beisammen, lacht und plaudert. Dass auf die ÖVP besonders schwierige Koalitionsverhandlungen zukommen, wusste jeder, aber auch hier galt: erst einmal feiern!