Wüstentempel und Wüstenstadt: Ausflug nach Qasr es-Sagha und Dime
von Bettina Knauth
Eines unserer beliebtesten Ziele für einen Freitagsausflug ist die Halboase Faijum. Zum einen wegen der Schönheit ihrer fruchtbaren Landschaft und ihres vorzüglichen Klimas, zum anderen wegen ihrer geschichtlichen Sehenswürdigkeiten. Wenn auch die Tempel, Pyramiden und Ruinen des Faijum historisch von geringerer Bedeutung sind als diejenigen in Oberägypten, Gizeh, Sakkara und Dahschur, so lohnt ihr Besuch durchaus. Von Kairo aus lassen sie sich in einer guten Autostunde erreichen.
Zu den faszinierendsten Zielen im Faijum gehören die "Stadt" Dime (auch Dimeh) und der Tempel Qasr es-Sagha (auch Kasr el-Sagha). Die Ruinen aus ptolomäischer und römischer Zeit sowie das Heiligtum aus dem Mittleren Reich haben durch ihre abgeschiedene Lage einen ganz eigenen Charme. Sie liegen in der Libyschen Wüste am Nordrand des Faijum, in Sichtweite des Qarunsees (Birket el-Qarun bzw. -Karun). Der heutige Salzwassersee bedeckte ursprünglich die ganze Halboase, durch Verdunstung und Verlandung blieb nur rund ein Zehntel der von einem Seitenarm des Nil gespeisten ursprünglichen See- und Sumpflandschaft übrig. Da sich in dem See Krokodile tummelten, war der Krokodilsgott Sobek in vielen Erscheinungsformen der Schutzgott der Region.
Der Tempel Qasr es-Sagha
Qasr es-Sagha stellt ein Beispiel dar der seltenen religiösen Architektur des Mittleren Reiches (MR). Der gut erhaltene kleine Tempel liegt rund acht Kilometer nördlich des Qarunsees auf einer Anhöhe zu Fuße eines Tafelberges. Von seiner bräunlichen Farbe und seiner Form her passt er sich perfekt der Umgebung an und scheint mit ihr eine Einheit zu bilden.
Die Vorderseite des Tempels bilden mächtige Quader aus lokalem Kalkstein. Stark verwitterte Überreste von Löwenköpfen sind im oberen Teil noch zu erkennen; sie schmückten ursprünglich einmal die Fassade. Durch das Eingangstor kommt man in einen schmalen, aber 21 Meter langen Querraum. Hinter diesem Opfervorraum liegen sieben nebeneinander liegende Nischen bzw. Kapellen, die als Kultbildschreine dienten.
Die Grundfläche des gesamten Tempels umfasst lediglich 8,5 x 21,3 Meter. Der eigentlich zu erwartende vordere Tempelteil mit Hof und Säulensaal ist nie errichtet worden. Der Tempel blieb somit unvollendet, auch fanden sich in ihm weder Inschriften noch Darstellungen. Wegen dieser fehlenden Hinweise gestaltete sich die Datierung schwierig; auch konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden, welche Götter hier verehrt wurden. Gefunden wurde lediglich der Rest einer Basaltinschrift, der einen Hinweis auf Sobek gibt. Am wahrscheinlichsten ist, dass in Qasr es-Sagha den im Faijum vorherrschenden Göttern gehuldigt wurde, allen voran dem Krokodilsgott, aber auch Horus und Renenutet. Ungewöhnlich ist auf jeden Fall die Vielzahl der Götter, die hier verehrt werden sollten. Der seltene Grundriss mit sieben Nischen erinnert an ähnlich gestaltete Tempel von Hierakonpolis in Oberägypten und Medinet Mâdi weiter südlich am südwestlichen Rand des Faijum. Wegen der architektonischen Ähnlichkeiten mit diesen und anderen Tempeln und auf Grund archäologischer Beobachtungen wurde der Tempel dem Mittleren Reich, genauer der späten 12. Dynastie um 1800 vor Christus zugeordnet.
Früher muss der Tempel nahe am Ufer gelegen haben, denn in der Nähe
des Tempels wurden Reste antiker Kaimauern entdeckt. Ebenso befinden sich unterhalb
sowie südwestlich des Tempels Reste einer Siedlung (s. Bild unten) und
einiger Nekropolen des MR sowie zahlreiche neolithische Fundplätze. Diese
frühgeschichtlichen Siedlungsspuren weisen Verbindungen zu den frühen
Kulturen des Niltals auf. Zehn Kilometer nordwestlich des Tempels liegen die
Basaltvorkommen des Gebel Qatrâni (Widan el-Faras), von dort führt
eine Transportstraße zu der Kai-Anlage und verschiedenen Basaltansammlungen
herab.
Die Anlage eines Tempels in der Einsamkeit der Wüste mag seltsam erscheinen.
Sie erinnert jedoch an ähnliche Anlagen auf dem Sinai (z.B. Serabit el-Chadim
und Timna) sowie in der östlichen Wüste und aus römischer Zeit
(z.B. an den Gebel es-Silsilah, das Wâdi Hammamât, das Wâdi
Miah oder den Mons Claudianus). Wie in allen diesen Fällen dürfte
auch die Existenz des Tempels von Qasr es-Sagha in Zusammenhang mit nahe gelegenen
Steinbruchgebieten stehen, hier mit dem des Gebel Qatrâni.
Die Ruinen der Stadt Dime
Acht Kilometer von Qasr es-Sagha entfernt befinden sich die Überreste der Stadt Dime oder Soknopaiu Nesos ("Insel des Krokodilsgottes"; Sokno-paios war die regionale Er-scheinungsform des Sobek). Von den Ruinen geht eine eigenartige Faszination aus: Wie Haifischflossen ragen die Mauerreste gen Himmel (Tondok), teilweise sind sie bis zu 10 Meter hoch. Ihr Anblick wirkt surreal in dieser Wüstenlandschaft.
Die Ruinen stammen aus griechisch-römischer Zeit, zum ersten Mal bezeugt ist die Erwähnung des Ortes um 240 vor Christus, doch weist die Bezeichnung "Insel" auf einen älteren Ursprung hin, denn im dritten vorchristlichen Jahrhundert, zu Beginn der Ptolomäerzeit, war diese Stelle bereits keine Insel mehr. Die Blütezeit von Dime war wohl im ersten und zweiten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Bedeutung erlangte der Ort als Ausgangspunkt einer Karawanenstraße und als Binnenzollstation. Später als 250 nach Christus wird Dime bzw. Soknopaiu Nesos dann nicht mehr erwähnt, offensichtlich wurde die Stadt von ihren Bewohnern frühzeitig verlassen, aber warum vermag niemand genau zu sagen.
Eigentlich ist Dime eher ein Dorf als eine Stadt; insgesamt einen halben Quadratkilometer groß ist das Gelände. Die Überreste der über zweitausend Jahre alten Siedlung sind sehr eindrucksvoll: Weiß-graue Lehmziegel bestimmen das Bild der Wohn- und Tempelbezirke, der Wüstenwind hat manche Mauer über die Jahrhunderte zu bizarren Formationen erodieren lassen. Etwas außerhalb des Ortskerns befindet sich in rund einhundert Metern Entfernung ein Gebäude, dessen Kellerräume als Öl- und Weinlager dienten. Noch weiter in Richtung See liegt ein weiterer Gebäudekomplex, der wegen seiner erhaltenen Bögen einen Blick wert ist.
Auch Dime lag wie Qasr es-Sagha früher am Ufer des Sees, heute ist der Qarun-See gut drei Kilometer von den Ruinen entfernt. Vom See führte ein 370 Meter langer Prozessionsweg hinauf in die Mitte der Stadt, der noch immer gut zu erkennen ist (s. großes Foto). Früher war er gesäumt von liegenden Löwenfiguren, heute wird er flankiert von gut erhaltenen Mauerresten und endet an einer Plattform mit Trümmern einer bedeutenden Tempelanlage, die dem Hauptgott Soknopaios (Sobek) geweiht war. Hinter einer Umfassungsmauer aus ungebrannten Lehmziegeln befindet sich der 85 x 115 Meter große Tempelbereich mit mehreren Räumen; der hintere Bereich besteht aus wohlgefügten Kalksteinblöcken, der vordere aus stuckverkleideten Bruchsteinen. Leider ist das Tempelhaus selber zerstört, auch sind nur wenige Reliefs erhalten, so kann man etwa einen Ptolomäer erkennen, der ins Gebet vertieft vor einem widderköpfigen Gott (Amun?) steht. Innerhalb der Mauern befindet sich noch ein zweiter, aus Stein errichteter Tempel.
In Dime wurden demotische und griechische Papyri, letztere in großer Anzahl gefunden. Noch heute künden Tausende von Tonscherben, mit denen der Wüstenboden übersät ist, von der Besiedlung der Stadt, die heute mitten in der Wüste liegt. Schade, dass sie uns nicht mehr von dem Leben der Bewohner zu erzählen vermögen.
Noch einige Bemerkungen zur An- und Abreise nach Dime und Qasr es-Sagha: Wir haben der Wüstenstadt und dem Wüstentempel mehrfach einen Besuch abgestattet und uns beiden Zielen immer von Norden her, durch die steil abfallende Gebirgskette, genähert. Die letzte Tour kurz nach Weihnachten geriet uns jedoch zum Abenteuer, denn wir wurden überrascht von einer Gewitterfront: Schon beim Tempel bemerkten wir plötzlich eine breite schwarze Regenwand, die sich vom westlichen Gebirge her näherte. Dennoch fuhren wir noch hinüber nach Dime, das zunächst verschont zu bleiben schien. Von weitem sahen die heraus ragenden Ruinen geradezu mystisch aus in den wenigen Sonnenstrahlen, die noch durch die Wolken traten. In der Stadt angekommen trauten wir uns kaum noch aus dem Auto, denn das Gewitter kam uns inzwischen bedrohlich nahe. Zum ersten Mal habe ich in Ägypten Blitz und Donner erlebt, gefolgt von einem heftigen Regen - und das mitten in der Wüste. Um möglichst schnell festen Boden unter die Füße zu bekommen wichen wir von der ursprünglichen Route ab und fuhren von Dime aus parallel zum Qarun See über unberührte Sanddünen. Doch plötzlich änderte sich in der nächsten Senke der Untergrund, statt festem Sand fuhren wir auf matschigem Schlick - und schon saßen wir fest. Erst eine geschlagene Stunde später hatten wir mit unseren Gefährten im strömenden Regen den Jeep ausreichend freigeschaufelt, sodass uns ein Mitfahrer nach mehrmaligen Versuchen aus unserer misslichen Lage schleppen konnte. Darum unser Rat: Wetterbedingungen unbedingt prüfen. Und solche Touren immer mit mehreren Fahrzeugen und mit ausreichender Ausrüstung (Schaufel, Abschleppseile, ggf. Sandbleche) unternehmen! Für den letzten Teil des Weges wählten wir dann die unten beschriebene sichere Piste, wobei wir zunächst zwei Wüstenfüchse sichteten und dann kurz vor dem Erreichen der Hauptstraße Kairo-Faijum mit einem fantastischen Blick auf die Halboase belohnt wurden, die sich wie der Garten Eden unter uns erstreckte.
Anfahrt (Achtung: Ein Besuch der beschriebenen Stätten ist nur mit Allrad-Fahrzeugen möglich!):
Von Kairo her kommend zweigt am Ortseingang des Faijum, schräg gegenüber der antiken Siedlung Karanis, nach rechts eine Piste ab, die in 25 km nach Dime führt. Die schlecht markierte Piste zieht sich zunächst entlang eines Bewässerungsgrabens am Rande einer Siedlung hinauf zu verschiedenen "Steinbrüchen". An der ersten Gabelung rechts halten. Nach ca. 3 km hat man die letzten grünen Fleckchen des Dorfes Kom Auschim hinter sich gelassen, die Piste führt jetzt gut erkennbar bis Qasr es-Sagha. Von dort kann man die "Stadt" im Süden bereits sehen und den Reifenspuren folgen, den ersten Kilometer zurück Richtung Karanis. (Wer die Anfahrt durch die Wüste, abzweigend von der Straße zur Oase Baharia kurz hinter 6th of October, wählen möchte, kann die GPS-Daten per E-mail bei der Autorin erfragen.)
Literatur:
Lexikon der Ägyptologie, Bd. I, Wiebaden 1975, Sp. 1094 (Dimeh), und Bd. V, Wiesbaden 1984, Sp. 45f. (Qasr es-Sagha). Dort auch weiterführende Literaturangaben.
Baedekers Ägypten, Stuttgart 1988
Ich danke Prof. Thomas von der Way für seine hilfreichen Anmerkungen und
Interpretationen.