Deckel drauf und schauen, was rauskommt .....
- Ein Gespräch mit Tobias Hülswitt, dem Stadtschreiber von Kairo

von Michaela Grom

Was passiert, wenn man einen Menschen in eine riesige, traditionsreiche und turbulente
Stadt steckt - einen Menschen, der diese Stadt, den gesamten Kulturkreis noch nicht kennt und sich noch nicht weiter damit beschäftigt hat ? - Wenn dieser Mensch aus Begeisterung und von Berufs wegen mit Sprache umgeht, dann wird er versuchen, von dem zu erzählen, was ihm da widerfahren ist. Wird er von Vorwissen unverstellte Momentaufnahmen und erstaunliche Einsichten zutage fördern ? Oder wird die Stadt ihn absorbieren, aufsaugen ? Was ist transportierbar an unmittelbarer Erfahrung? Solche oder ähnliche Grundgedanken mögen im Spiel gewesen sein, als das Goethe-Institut Tobias Hülswitt einlud, für knapp sechs Wochen als Stadtschreiber nach Kairo zu kommen. Das Stadtschreiber-Projekt ist aber durchaus auch in einem größeren Zusammenhang zu sehen als ein Versuch, jenseits von Diskussionsrunden und Statements den Dialog anzufachen. Der 29jährige Stadtschreiber, der am Literaturinstitut Leipzig studiert, konnte die Form, in der er seine Eindrücke veröffentlichen würde, frei wählen. Entschieden hat er sich für die Form des Internet-Tagebuchs. Außerdem fanden mehrere Lesungen in Kairo und Alexandria statt, an die sich engagierte Diskussionen anschlossen.

Papyrus hat sich mit Tobias Hülswitt am Ende seiner Zeit in Kairo unterhalten:

Wie war Ihre erste Reaktion auf die Idee, Stadtschreiber von Kairo zu sein?

Am Anfang wusste ich nicht, dass ich sogar den Titel "Stadtschreiber" bekommen würde (lacht)..... Herr Wetzel vom Goethe-Institut hat mich in Berlin angerufen und gefragt, ob ich eventuell bereit wäre zu kommen - und da hab ich natürlich ja gesagt, sofort. Die Idee, in eine fremde Stadt, eine andere Kultur einzutauchen und das auf mich wirken zu lassen, ...das hat mich als freischaffenden Schreiber natürlich sehr gereizt.....

Mit welchen Vorstellungen kamen Sie hierher nach Kairo?

Ich habe vor zwei Jahren eine für mich wichtige Erfahrung gemacht - da bin ich mit komplett falschen Vorstellungen in den Iran gefahren. Es ist mir heute fast peinlich, das zu erzählen, aber ich habe damals sogar, kurz bevor ich losflog, einen Freund angerufen und gefragt: "Sag´ mal, habt ihr da drüben eigentlich auch Apotheken ?"... Damals hab ich mir vorgenommen, nicht mehr mit vorgefassten Bildern und Vorstellungen in ein Land zu fahren, sondern lieber die Augen aufzumachen und zu gucken - anstatt das sehen zu wollen, was ich mir vorher vorgestellt habe.

Wie war Ihr erster Eindruck, als Sie in Kairo ankamen ?

Der erste Eindruck, ja der war überwältigend. Natürlich hatte ich einige Dinge gehört, über den Lärm, den Smog zu Hauptverkehrszeiten, die Temperaturen... Das war dann schon so, wie es mir erzählt worden war, aber wenn es dann real ist, ist es so massiv, dass es einen richtig physisch in Anspruch nimmt, man muss da manchmal richtig damit kämpfen... Es hat auch etwa zwei Wochen gedauert, bis ich mich gefreut habe rauszugehen, bis ich mir dachte: "Toll, ich gehe jetzt wieder raus und schaue" - und es macht ja auch Spaß, diese Stadt zu entdecken ... In den ersten zwei Wochen saß ich auf dem Hausboot, in dem ich gewohnt habe (Anm.: eines der Hausboote unterhalb des Midan Kitkat) und habe mir jedes Mal überlegt, ob ich da jetzt wieder rausgehe heute oder ob ich überhaupt jemals wieder rausgehe oder ob ich nicht lieber auf dem Boot bleibe. Der Lärm kommt so massiv von dem Platz heruntergedröhnt, das war für mich wie eine Mauer, durch die ich erst mal durch musste.

Warum haben Sie sich für die Form des Internet-Tagebuchs entschieden?

Ich habe letztes Jahr bei einer Amerikareise schon Erfahrungen gemacht damit und das fand ich sehr angenehm. Man hat doch viele Eindrücke zu bewältigen und dabei ist diese Form sehr hilfreich. Die Veröffentlichung im Internet bedeutet aber auch, dass man für ein Publikum schreibt, bedeutet, dass man sich ständig jemandem mitteilt , dass unter Umständen die eigene Gefühlswelt ständig für jeden abrufbar ist ... Gerade dass man das Tagebuch mit dem Publikum teilt, das finde ich spannend. Es ist reizvoll, damit zu spielen, wie persönlich man jetzt werden will, wie viel man preisgibt. Dabei reflektiert man auch, was ist eigentlich Intimsphäre, warum hat man die, wo beginnt sie, braucht man sie überhaupt ? Ist es nicht eher ein Problem, dass wir alle unsere Intimsphäre haben und über bestimmte Dinge nicht reden? Hier in Ägypten gibt es das, dass man über bestimmte Dinge nicht spricht, und wir haben das eben auch, zum Beispiel, was das Thema "Körper" angeht. In welchem Reisebuch steht schon drin, wie es dem Reisenden gerade körperlich geht ? Gerade die physischen Aspekte können in die Tagebuchform mit einfließen. Ich wollte, dass man diese Stadt, die einen physisch doch sehr fordert, beim Lesen auch physisch begreift.

War das der Auslöser dafür, das Tagebuch in einen "offiziellen" und einen "inoffiziellen" Text zu teilen?

Mit dieser Aufteilung habe ich schon bei der Amerikareise angefangen. Ich dachte mir: Ich will hier etwas schreiben, was man normalerweise nicht schreiben würde, und deshalb nenne ich es den "inoffiziellen Text". Wer das nicht lesen will, der weiß gleich Bescheid und braucht es nicht zu lesen. Obwohl diese Sachen einen ja unter Umständen gerade neugierig machen...

Würden sie rückblickend die Form des Tagebuchs wieder wählen?

Ich würde es wieder so machen. Die Tagebuchform zwingt dazu, die ganze Zeit aufmerksam zu sein und auch drüber nachzudenken, was nehme ich wahr, was will ich weitergeben. Das ist für mich wichtig, hält mich bei der Stange - gerade in so einer Stadt, die einen so sehr fordert, dass man auch mal ganz fertig und kaputt ist.. und da ist dann das Tagebuch, das will weitergeschrieben sein. So was hält einen dann auch in manchen Situationen. Manchmal habe ich mit gewünscht, etwas mehr Konzentration ins Schreiben zu bringen. Und wenn ich manche Stellen jetzt noch mal lese, denke ich: da warst du aber ziemlich in Eile. Aber dazu müsste ich vielleicht länger hier leben und den Alltag besser beherrschen.

War der Zeitraum sinnvoll?

Na ja... fünf, sechs Wochen, das ist schon relativ kurz. Es reicht für einen ersten massiven Eindruck Es ergibt natürlich eine gewisse Spannung, weil derjenige, der neu hierher kommt, zunächst einmal zu kämpfen hat und gleichzeitig sehr fasziniert ist von der Stadt. Für mich wäre es spannend, viel länger hier zu sein, vielleicht ein Jahr. Ich wollte ja nicht über das "Exotische" oder "Fremde" schreiben, sondern über Kairo und Ägypten wie über etwas ganz Normales.

Gab es Themen, mit denen Sie sich schwer taten oder die Sie bewusst nicht aufgegriffen haben?

Eigentlich wollte ich nicht über "den Islam" schreiben. Ich weiß darüber nicht viel und wollte nicht irgendetwas behaupten. Außerdem ist bei uns der Islam immer sofort Thema, sobald es um Nahen Osten geht. Aber es war dann doch sehr spannend, mich damit zu beschäftigen. Ich kam ja gar nicht darum herum: Es war grade Ramadan hier, die ganze Tagesstruktur ist davon bestimmt. Und ich habe auch angefangen, über meinen eigenen Hintergrund nachzudenken. Ich bin katholisch erzogen, meine Eltern sind sehr gläubig, und ich habe dann viel darüber nachgedacht, was Religion für mich bedeutet, auch über die Religiosität bei uns zuhause.

Wie waren die Reaktionen auf ihre Lesungen in Kairo und Alexandria?

Eine Erfahrung war, dass das ägyptische Publikum, auch die jüngeren Leute, anschei nend auf bestimmte Themen sehr sensibel reagiert. Das hat mich sehr erstaunt. Es gibt bestimmte Dinge, zum Beispiel, als ich über den Schmutz geschrieben habe, über ein kleines Kind, das am Straßenrand spiel... da hat man das Gefühl, die Leute wollen das so nicht hören, oder es ist die Angst da, es könnte ein falsches Bild von Ägypten entstehen. Die Zuhörer melden sich da doch vehement zu Wort und sagen einem auch sehr deutlich, was man ihrer Meinung nach nicht so richtig bedacht hat oder wo man einmal hingehen oder mit wem man einmal sprechen sollte. Das kannte ich so nicht und hatte es nicht erwartet. Wir in Deutschland sind sehr direkt und denken oft nicht daran, dass diese Direktheit jemanden kränken könnte. Allerdings finde ich, dass hier in Ägypten die Sensibilität sehr hoch ist. Ich denke mal, wenn ein ausländischer Schriftsteller nach Deutschland kommt und Dinge beschreibt, die vielleicht nicht ganz so schön sind, dann ist das bei uns eher so, dass die Leute sagen: "Stimmt, das haben wir ja gar nicht mehr gesehen, auf diesem Auge waren wir blind..."

Wie sind Sie mit dieser Erfahrung umgegangen?

Nachdem ich also bei den ersten Lesungen diese Erfahrung gemacht habe, habe ich dann später erst mal zu Beginn einer Lesung zehn Minuten erzählt - von mir, wer ich bin, von meinem Herkommen... Ich habe manches auch mit meinem Deutschsein erklärt. Ich glaube, dass wir in Deutschland eine große Distanz zu unserem Land haben und in diese Distanz fließen Ironie und Selbstironie ein - eben alles was man braucht, um die Distanz wieder zu überbrücken. Ich habe erklärt, dass ich über Ägypten schreiben wollte wie über zuhause, mit einer gewissen Selbstverständlichkeit - und dass all dies nicht böse gemeint ist oder sogar herablassend. Tatsächlich war nach der Lesung eine freundlichere Stimmung, die "kritischen" Punkte wurden auch alle angesprochen, aber viel wohlwollender. Das war für mich sehr interessant, dass man so eine Lesung vorbereiten muss. Dass es vielleicht nicht ausreicht, einen Brückenschlag zu versuchen, sondern dass man sozusagen auch die Stufen zur Brücke bedenken muss. Es musste erst klar werden, dass ich ja grade nicht "den definitiven Reiseführer" abliefern wollte. Das Experiment hieß vielmehr: wir nehmen einen, der keine Ahnung hat von Kairo - Deckel drauf und sehen, was passiert.

Können Sie ein erstes Fazit Ihrer Zeit als Stadtschreiber ziehen?

Ich habe eher das Gefühl, dass ich mit Fragen gehe als mit Antworten.Wenn man in ein fremdes Land kommt, und versucht, den Menschen das Bild überzustülpen, das man von ihnen hat, dann ist das eine Form von subtilem Kolonialismus - und das wollte ich auf keinen Fall. Im Iran hatte ich das Gefühl, dass die Menschen regelrecht darunter leiden, dass wir ein bestimmtes Bild von ihnen haben. Ich denke darüber nach, wirklich einmal für eine längere Zeit hierher zu kommen und das Tagebuch über einen längeren Zeitraum, vielleicht ein Jahr, fortzuführen. Denn eine Bereicherung ist es auf jeden Fall, wenn man hierher kommt.

Das Kairo-Tagebuch von Tobias Hülswitt ist nachzulesen im Internet unter www.goethe.de/kairo.

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