Kairos starke Frauen

von Edith Brielbeck, unter Mitarbeit von Petra Post und Ursula Frank

Weibliche Stadtheilige und die Sultanin Shagarett ed-Durr wollte ich kennen lernen und so freute ich mich, als ich in der Begegnung, der Informationsbroschüre der Kairener Kirchengemeinden von einem STATTspaziergang las, der mich zu ihren Mausoleen führen sollte.

Bereits Herr Pfarrer Schroedel ging auf seinem Vortrag eine Woche vor der Führung auf das Thema der Heiligenverehrung im Islam ein. Er verdeutlichte, dass diese von offizieller Seite, der Hochreligion, eher abgelehnt würde, sich aber umso vielfältiger aus der Volksfrömmigkeit entwickelt habe. Er wies kurz auf eine der berühmtesten islamischen Heiligengestalten Ägyptens hin, Sayyida Zeinab, an deren viertägiges Heiligenfest (mulid) vom vorigen Oktober ich mich noch lebhaft erinnere: Hunderttausende von überwiegend einfachen Leuten aus dem ganzen Land waren mit Kind und Kegel, mit Butangaskocher, Trommel (tabla) und Bastmatten ins Stadtviertel Sayyida Zeinab geströmt, einige tanzten stundenlang in den Straßen und in Zelten, bis manche in tranceähnliche Zustände gerieten. Es war ein ebenso unbeschreibliches Gedränge in allen Gassen und Straßen um die Moschee wie in den vollbesetzten Bussen zur Hauptverkehrszeit und roch nach allen Düften des Orients: Weihrauch, gebratenem Lammfleisch, Knoblauch, Zimt, Minzetee, Kaffee mit Kardamom. Händler priesen lauthals Waren an und ihr Rufen vermischte sich mit dem ohrenbetäubenden frommen Korangesang aus Tausenden von Lautsprechern, die hoffnungslos übersteuert waren, so dass alle Sinne betäubt wurden. Niemals zuvor hatte ich etwas vergleichbar Authentisches erlebt - und noch dazu so dicht an der Schmerzgrenze.

Wer ist diese Heilige, die so viele Menschen in ihren Bann schlägt und zu deren Ehren ein solches Fest veranstaltet wird? Ich wollte mehr erfahren und meldete mich an zu einem STATTspaziergang zu den weiblichen Stadtheiligen, um mich in einer etwas ruhigeren Atmosphäre diesem volkstümlichen Stadtviertel noch einmal zu nähern.

Am Freitag um 9.00 Uhr ist Treffpunkt vor der Ibn Tulun Moschee mit Dr. Frank van der Velden, der inzwischen schon mehr als 1000 Teilnehmer und Teilnehmerinnen auf seinen hochinteressanten Spaziergängen aus den noblen Vierteln der Stadt in die alten verschlungenen Gassen der islamischen Altstadt oder der Totenstädte gelockt hat, weitab der touristischen Routen und der sauberen "Herzeige-Moscheen" auf Wege, die sich viele alleine nie zu gehen trauen würden.

Er führt uns durch den Garten hinter dem Gayer-Anderson Haus zu einer sehr alten Nord-Süd-Route, die das Zuweila-Tor mit der Grabmoschee des Imam es-Schafa'i verbindet. Da diese Route durch ein bis ins voriges Jahrhundert noch sumpfiges und von Tümpeln durchsetztes Gebiet führte, wurde sie als schnurgerader Dammweg angelegt, über den die Leute ihren Freitagsspaziergang zu den Familiengräbern im Südlichen Friedhof, sozusagen ihr "Picknick im Grünen", unternahmen.
Da im Islam die Sitte herrscht, für einen Verstorbenen die fatiha, die Eröffnungssure des Koran zu beten, waren die beliebtesten Grabplätze immer die, an denen die meisten Passanten vorbeigingen. So kam es, dass auch entlang dieses Dammwegs viele Mausoleen angelegt wurden.

Manchmal steckte auch politisches Kalkül dahinter, wie bei den Fatimiden. Sie sind als Eroberer von Marokko und Tunesien aus in Ägypten eingedrungen und trafen, was den muslimischen Bevölkerungsanteil betrifft, auf eine überwiegend sunnitische Einwohnerschaft.

Für Schiiten spielt die Blutsverwandtschaft mit der Prophetenfamilie eine große Rolle im Hinblick auf den Führungsanspruch über die Gemeinschaft der Gläubigen, wohingegen die Sunniten, zu denen heute etwa 90% aller Muslime gehören, die Meinung vertreten, dass es nur auf den rechtmäßigen Glauben ankomme. Die Fatimiden sind Schiiten und führen ihre Herkunft auf Fatima, die Tochter Mohameds, zurück. Sie regierten von ihrer im Jahr 969 gegründeten Palaststadt, Al Qaheira, die dem heutigen Kairo den Namen gab, zwei Jahrhunderte lang als kleine aristokratische Schicht über die weiterhin sunnitisch bleibende Bevölkerung.

Um ihren Herrschaftsanspruch besonders zu unterstreichen, ließen sie die Gräber ihrer berühmtesten Vorfahren, von Mitgliedern der Prophetenfamilie also, die in Ägypten gestorben waren und die auch bei der sunnitischen Bevölkerung in sehr hohem Ansehen standen, erneuern oder verschönern. Sie brachten, wie im Falle des Prophetenenkels Hussein, Reliquien nach Kairo oder begründeten Verehrungsplätze, an denen sich manchmal gar keine Reliquien befanden, weil die Person nachweislich nie in Ägypten war.

Auf unserem Spaziergang treffen wir zunächst auf die Moschee einer Enkelin des Propheten, Sayyida Sakina, die "Standhafte, Verlässliche", die von einem schönen, typisch mamlukischen Minarett überragt wird. Im Gegensatz zu den späteren, türkischen glatten Bleistiftspitzen-Minaretten sind die mamlukischen Minarette sehr viel abwechslungsreicher geformt und verziert.

Schräg gegenüber liegt der Eingang zu einem kleinen Wallfahrtsbezirk, der auch von vielen Pilgern aus anderen islamischen Ländern, besonders von Schiiten, besucht wird: Wir finden dort drei mesheds. Das sind Gebäude, die zugleich als Mausoleum und als Moschee dienen. Die frühesten Moscheen waren viereckige, meist sogar quadratische, zum Himmel hin offene Versammlungsräume, durch eine Gebetsnische nach Mekka ausgerichtet. Eine meshed ist ursprünglich ein überkuppelter Grabraum, der durch Anbringen einer Gebetsnische zusätzlich die Funktion einer Moschee übernimmt. Bei diesem Bauplan konnten die Leute sowohl beten als auch die Umkreisung, den tawaf des Kenotaphs machen. Ein Kenotaph ist der oberirdische Teil eines Grabes, manchmal aber auch nur ein Denkmal, das an den Toten erinnern soll, wenn er an woanders begraben liegt.

Links des Durchgangs liegt die meshed der Sayyida Ruqayyia. Sie besteht aus einem offenen Hof mit Säulen und zwei Gebetsnischen (mihrab) und dahinter einem weiteren überkuppelten Grab mit einem mihrab. Der Kenotaph ist von einem Gitter umgeben und mit einem grünen Tuch bedeckt, über dem ein weißes Hochzeitskleid ausgebreitet ist, als Zeichen für jungfräuliche Reinheit.

Wir beobachten, wie fromme Pilger ihr Grabmal umrunden, dabei das Gitter berühren und den Segen (baraka) abstreifen. Es kann vorkommen, dass Gläubige tagelang in der Nähe ihres Grabes sitzen bleiben, in Beten und Hoffen vertieft.

An den beiden Seiten des Kuppelraumes gibt es zwei flachgedeckte Nebenräume, von denen jeder ein mihrab hat, insgesamt gibt hier es also fünf Gebetsnischen.
Die älteste und schönste Gebetsnische dieser meshed besteht aus Holz ist transportabel: Sie befindet sich heute im Islamischen Museum.

Bemerkenswert ist die zentrale Gebetsnische der meshed. In der Muschelnische ihres oberen Teils befindet sich ein Kreis, der aus mehreren Wiederholungen des Namens Mohamed gebildet wird, der den Namen Ali umrahmt Als Schwiegersohn des Propheten, vierter Kalif und Vater des hoch verehrten Hussein ist Ali eine Schlüsselfigur der Schiiten, was hier durch die zentrale Position seines Namens verdeutlicht wird. Er ist der letzte Kalif, der sowohl von den Sunniten als auch den Schiiten noch als rechtgeleitet anerkannt wird. Kalif bedeutet Nachfolger des Propheten in seiner Funktion als Führer der islamischen Glaubensgemeinschaft.

Sayyida Ruqayya war eine Tochter Alis, ihre Mutter war jedoch nicht die Prophetentochter Fatima, sondern eine andere Gemahlin. Sie lebte und starb in Damaskus, war niemals in Kairo und ist auch nicht hier begraben. Dennoch gilt ihre Grabmoschee als Erhörungsort, an dem Gläubige um ihren Segen und Beistand beten. Zusammen mit Sayyida Nefissa und Sayyida Zeinab gehört sie zu den drei Schutzheiligen und Stadtpatroninnen Kairos.

Die Tradition der islamischen Heiligenverehrung begann mit den Fatimiden und hat sich bis heute gehalten, obwohl Ägypten nunmehr schon seit über 800 Jahren nicht mehr schiitisch ist und im sunnitischen Islam die Heiligenverehrung eigentlich verpönt ist.

Nachdem wir nach einem lautstark eingeforderten Bakschisch wieder unsere Schuhe zurückbekommen hatten, gingen wir quer über den Vorhof zu zwei weiteren Gräbern mit den ältesten Rippenkuppeln, die es in Ägypten gibt. Hier liegen eine Tante des Propheten, Sayyida Ateyya, und sein Urururenkel Mohamed al Ga'fari (fett?), ein Sohn des sechsten schiitischen Imam.

Die Sultana Shagarett-ed-Durr

Zurück auf dem Dammweg wendeten wir uns anschließend einer ganz und gar nicht heiligen aber nichtsdestoweniger berühmten Frauengestalt zu, deren Mausoleum links der Straße weit unterhalb des heutigen Straßenniveaus hinter einem Eisengitter liegt. Ihre Lebensgeschichte ist recht spannend und tragisch zugleich, war sie doch die einzige Frau, die im islamischen Ägypten als Sultanin herrschte. Sie war eine aus Armenien stammende Sklavin, die Salih Negm el Din Ayyub, der letzte Herrscher der von Saladin begründeten Ayubidendynastie sich zur Frau genommen hatte, bevor er 1249 zur Zeit der Kreuzzüge im Kampf gegen Ludwig IX. von Frankreich fiel. Shagarett-ed-Durr verschwieg zunächst den Tod ihres Mannes, damit sein Sohn und Nachfolger Turan-Schah aus Mesopotamien zurückkehren und sein Erbe antreten konnte. Dann ließ sie diesen aber von der mamlukischen Leibgarde ihres verstorbenen Gatten ermorden und machte sich selbst für 80 Tage zur Sultanin. Schließlich heiratete sie den Anführer der Leibgarde, den Mamluken Aybak, den sie vorher noch zwang, sich von seiner ersten Gemahlin zu trennen. Als sie hörte, dass Aybak Heiratsverhandlungen mit einer anderen Frau unternahm, ließ sie auch ihn ermorden. Daraufhin wurde sie selbst von den Dienerinnen seiner ersten Gemahlin mit Holzschuhen erschlagen und ihr Leichnam über die Mauer der Zitadelle den Hunden zum Fraß vorgeworfen. Schließlich wurden ihre sterblichen Überreste von dort eingesammelt und in dem von ihr 1250 errichteten Mausoleum beigesetzt. Leider ist das Gebäude für die Öffentlichkeit gesperrt und kann nur mit einer Sondergenehmigung besichtigt werden.

Viele Gebäude entlang unseres Spazierweges leiden unter dem durch die Nilregulierung angestiegenen Grundwasserspiegel, aber auch unter der fehlenden Nilüberschwemmung, die früher regelmäßig die Salze auswusch, die heute dem Mauerwerk schaden. Gebäude, die früher ständiger Feuchtigkeit ausgesetzt waren, bekommen nun häufig Risse, da sie nun zu sehr austrocknen.

Die meshed der Sultanin besteht aus einem Kuppelraum, dessen Kuppel die Form eines oben zugespitzten Kielbogens hat. Von innen ist sie mit Stuckornamenten im spanischen Stil verziert. Während der Bauzeit fand eine erste Welle der Rekonquista statt, in der viele maurische Künstler aus Andalusien vertrieben wurden, die nach Ägypten auswanderten und ihre Fertigkeiten und ihren Stil mitbrachten. Bei diesem Stil sieht man keinen Hintergrund mehr, weil mehrere Schichten von Ornamenten aus Stuck übereinander angeordnet sind und die Motive sehr eng neben- und übereinander liegen wie steinerne Spitzendeckchen. Die Gebetsnische ist mit goldenem und grünem Mosaik verziert.

Nun gehen wir ein längeres Stück geradeaus bis zur meshed der Sayyida Nefissa. Sie war eine Urenkelin von Hassan, dem Enkel des Propheten, und soll nach Ägypten ausgewandert sein, um sich in Fustat, der ersten islamischen Siedlung auf Kairener Stadtgebiet, niederzulassen. Sie besaß einen besonderen göttlichen Segen und soll viele Wunder gewirkt haben. Zu ihren Schülern zählte der Iman es-Shafa'i, der Begründer der Schafa'itischen Rechtsschule.

Nachdem Sayyida Nefissa im Jahr 824 gestorben war, ließen viele sich in ihrer Nähe bestatten, um an ihrem Segen teilzuhaben. Ihr Schrein geht auf die Fatimidenzeit zurück, ihre Moschee, die mehrmals einstürzte bzw. abbrannte, wurde immer wieder aufgebaut, zuletzt 1897 unter Abbas II. Erst 1980 erhielt sie einen neuen Anbau. Auch ihr Heiligenfest (mulid) zählt zu den lebhaftesten von ganz Kairo.

Wir gehen an der Moschee entlang, wo gerade jetzt während des Fastenmonats Ramadan bereits zur Zeit des Mittagsgebetes kräftig mit riesigen Aluminiumtöpfen gescheppert wird und Berge von Zwiebeln, Tomaten und Fleisch zu leckeren Gerichten für die Armenspeisung zubereitet werden. Nach Sonnenuntergang darf jeder Vorüberkommende an den gedeckten Tischen rund um die Moschee Platz nehmen und sich bedienen: Die taravezad rahman (Gnadentische) sieht man im Ramadan in allen Stadtteilen. Arme, schwarzgekleidete alte Frauen sitzen rund um die Moschee und bieten Kleinigkeiten an, um den Status der Händlerin und nicht der Bettlerin zu haben. An Plätzen, an denen häufiger Ausländer vorbeikommen, rutscht die Schamgrenze schneller und sie verlangen Almosen ohne Gegenleistung, wie Kugelschreiber oder Geld. Sogar die europäische Währungsumstellung hat sich bis hierher herumgesprochen und sie verlangen "one Eijuro". Besonders am Freitag sieht man viele Blumenverkäuferinnen, da noch immer die Sitte herrscht, im Anschluss an das Freitagsgebet, seinen verstorbenen Familienmitgliedern einen Besuch abzustatten. Die Grabwächter benetzen dann den Lehmboden rund um das Grab mit Wasser und man streut Blumen auf die Erde. Hinter der Grabmoschee der Sayyida Nefissa befindet sich ein Friedhof mit der meshed der Abbasidenkalifen.

Die Familie der Abbasiden regierte von 750 bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts als Kalifen in Bagdad über den sunnitischen Teil der muslimischen Glaubensgemeinschaft. Zuvor hatten sie die Omayaden entmachtet und getötet, bis auf wenige, die sich nach Spanien flüchten konnten. Nun stand den Abbasiden dasselbe Schicksal bevor: Als die Mongolen von Asien aus ihr Gebiet überrollten und Bagdad zerstörten, brach ihre Macht zusammen. Die meisten Abbasiden wurden von den Mongolen getötet, und erst den Mamluken gelang es, diese aufzuhalten.
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Wer sind die Mamluken? Malik ist arabisch und heißt "König", mamluk bedeutet "zum König gehörend". Die Leibgarde Saladins bestand aus Soldaten, die auf den Sklavenmärkten der Nordtürkei oder des Kaukasus im Kindesalter eingekauft und dann durch eine Eliteschulung auf ihren Dienst vorbereitet wurden. Sie waren dem König hörig, konnten jedoch auch die Freiheit erlangen und dann ihrerseits andere Mamluken erwerben und an sich binden. Auch wenn sie eine militärische Elite bildeten, waren die Mamluken doch keine Adligen, geschweige denn hatten sie den besonderen Segen durch eine Abstammung von der Prophetenfamilie wie die Fatimiden. Durch die Heirat der Shagarett-ed-Durr hatten sie zwar Saladins Dynastie abgelöst, doch auch sie waren ebenso wie die Fatimiden keine Ägypter und brauchten eine Legitimation für ihre Herrschaft.

Dank ihrer militärischen Stärke konnten sie den Mongolensturm, der das Abbasidenkalifat hinweggefegt hatte, vor den Grenzen Ägyptens aufhalten. Der Mamlukensultan Baybars al Bunduqdari holte 1261 einen Familienangehörigen der Abbasiden, der die Zerstörung Bagdads 1258 überlebt hatte, als machtlose Marionette nach Kairo und setzte ihn als Kalifen ein. Baybars übernahm ein Grabgebäude von Abu Nadla aus der Ayubidenzeit zunächst für sich und seine Söhne. Nachdem Baybars 1277 in Damaskus starb und dort auch begraben wurde, ging es an die Söhne der Abbasidenkalifen über*/wurde genutzt, die bis 1538 als Kalifen unter der Gnade der Mamluken in Ägypten blieben, ohne eigentliche Macht zu besitzen. An den Wänden erinnern Inschriften an die 17 Mitglieder der Abbasidenfamilie, die unter dieser meshed begraben wurden.

Rund um dieses Mausoleum befinden sich viele Gräber von Scherifen, den Nachkommen der Prophetenfamilie, von denen es heute in Ägypten noch etwa 1 Million geben soll. Sie erhalten eine staatliche Leibrente und ihre Gräber sind grün angestrichen.

Im Vorhof zur meshed der Abbasidenkalifen steht ein weißer Marmorkenotaph. Er stammt aus dem 10. Jh. gehört einer vornehmen Dame mit Namen Khadiga. Deren Name ist in der besonders schönen kufischen Inschrift erwähnt.

Gleich daneben steht der Gedenkstein für Mohamed Farid, einen der berühmtesten ägyptischen Freiheitskämpfer gegen die Vormacht der Briten, der 1912 aus Ägypten floh und im November 1919 im Exil in Berlin starb. Auch seine Zeit erlebte den Untergang eines Kalifats; diesmal war es das osmanische Reich, der kranke Mann (wer?) am Bosporus, der zusammen mit den Achsenmächten den ersten Weltkrieg verloren hatte.

Farids sterbliche Überreste wurden ein halbes Jahr nach seinem Tod feierlich nach Ägypten überführt. Als besonders bemerkenswert wurde in der Al Ahram-Zeitung, die darüber berichtete, der sorgfältig bearbeitete Mahagonisarg mit Deckel (!) beschrieben, in dem seine sterblichen Überreste per Schiff und Bahn über Alexandria nach Kairo gelangten.

In Ägypten werden die Toten ohne Sarg begraben. Hier haben die Särge auch keinen Deckel, denn sie dienen nur als Transportbehältnis für den Verstorbenen zwischen Haus und Grab und werden immer wieder verwendet. Die Toten werden noch am Tag ihres Todes gewaschen und, falls vorhanden, in die Tücher, mit denen sie ihre Pilgerfahrt nach Mekka unternommen haben, eingenäht. Dann tragen die Nachbarn oder Freunde den Toten zu der Moschee, in der er normalerweise betete. Alle Gläubigen, die diese Moschee aufsuchen, widmen ihr nächstes Gebet dem Verstorbenen. Danach wird er weiter in die Totenstadt in das inzwischen vorbereitete Grab gebracht.

Wie im pharaonischen Ägypten besitzen noch heute fast alle Kairener eine "Zweitwohnung für die Ewigkeit", ein Haus in der Totenstadt. Es hat zwei bis drei Kellerräume, in denen die Verstorbenen gelegt werden. Selbst nach dem Tod wird die in der islamischen Gesellschaft übliche Geschlechtertrennung aufrechterhalten. Gleich nach der Beisetzung wird die Verbindungstreppe wieder mit Sand zugeschüttet und die Bodenplatte fixiert. Drei Monate lang darf das Grabgewölbe nun nicht mehr geöffnet werden. Stirbt vorher ein weiteres Familienmitglied, wird es in der dritten Kammer zwischengelagert und kommt später zu seinem eigentlichen Platz.

Wir gehen nun den gleichen Weg wieder zurück bis zur Ibn Tulun Moschee. Dort besteigen wir das Minarett, um einen letzten Überblick über den zurückgelegten Weg zu genießen. Die meisten der heute von uns besuchten Denkmäler sind zu niedrig um sich von den später entstandenen Gebäuden abzuheben. Aber Bab Zuweila, das südliche Stadttor der Fatimidenstadt auf das die frisch renovierten und strahlend weißen Minarette der mamlukischen Muaied-Moschee aufgesetzt wurden und die Schafa'i Moschee mit ihrer Barke auf dem Dach sind zu erkennen. Zwischen beiden liegt der Dammweg, dessen mittlerer Abschnitt die Strecke des heutigen STATTspaziergangs war. Ein Stück weiter stadteinwärts, sind auch die Türme der Sayyida Zeinab-Moschee, die wir aus Zeitgründen leider nicht mehr aufsuchen können.

Grund genug, sich rechtzeitig für einen weiteren STATTspaziergang anzumelden, um wieder neuen Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Frank van der Velden plant, demnächst ein Buch zu veröffentlichen, in dem wir dann alle STATTspaziergänge nachlesen können Papyrus wird berichten, wenn es soweit ist.

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