Tagebuch einer Mitausgereisten, Folge 13: Kairo ist ein Dorf!

von Bettina Knauth

Sie glauben, Sie leben in einer Millionenstadt? In einer Metropole, in der man anonym bleiben und auch problemlos untertauchen könnte?

Weit gefehlt! Kairo ist ein Dorf, zumindest wenn man sich als Mitglied einer Community versteht und in ihr präsent ist, zum Beispiel in der deutschen Community. Oder in einem Viertel oder einem Compound wohnt, in dem viele Ausländer leben. Dann wird die Großstadt zur Kleinstadt.

Komme ich irgendwo hin, dann passiert es nicht selten, dass mir fremde Leute sagen, sie hätten bereits von mir gehört. Umgekehrt ergeht es mir ebenso, wenn ich ein neues oder mir bisher unbekanntes Mitglied der Community kennen lerne: "Ach, Sie sind die Mutter von X (Frau von Y, Nachbarin von Z)?" Und wie auf Knopfdruck rufe ich die bereits zu diesem Namen gespeicherten Informationen ab. Bisher hatte mir nur das passende Gesicht zu den Informationen gefehlt.

Auch kann man sich nicht ungesehen in der Stadt bewegen. Will ich schnell etwas einkaufen, im Supermarkt oder auf der 26. Juli-Straße in Zamalek, dann begegne ich bestimmt irgendwelchen Leuten, die ich kenne, zumindest fährt jemand an mir vorbei. "Was machst du?", "Wo willst du hin?" - "Und du (ihr)?" Wer will da von der Anonymität der Großstadt reden? Damit mich niemand missversteht: Es ist natürlich schön und ich genieße es auch, überall auf bekannte Gesichter zu treffen und ein kleines Schwätzchen zu halten! Ich finde es nur ein Phänomen, dass man sich in diesem Riesenmoloch immer wieder begegnet und übereinander gut informiert ist.

Die Geschichte mit dem Weihnachtsbaum mag auch als Beispiel dienen: Eine Bekannte hatte auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen soeben gefällten Nadelbaum entdeckt, entschieden dass er geradezu prädestiniert sei als Tannen-Ersatz und Ständer für den Weihnachtsschmuck und ihn sich mit Hilfe ihres Gärtners an Land gezogen. Einige Stunden später wurde sie von einer anderen Bekannten am Schulbus auf ihre Errungenschaft und deren Zustandekommen angesprochen; auch diese Tat war nicht unbeobachtet geblieben.

Als wir kürzlich kurzfristig umziehen mussten, wurden wir auch von allen Seiten gefragt: "Ich habe gehört, ihr müsst aus eurem Haus raus. Und das so schnell, wie kam es denn dazu?". Manchmal glaubte ich den unausgesprochenen Nachsatz zu spüren: "Was habt ihr euch denn zu Schulden kommen lassen?"

Richtig interessant wird es bei den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wer klatscht nicht gerne einmal, wir haben ja auch sonst nichts zu tun. Beim Vorbereitungsseminar lernten wir, dass man als Frau allein besser keinen Mann ins Haus lässt, des guten Rufes wegen. Inzwischen sehe ich das nicht mehr so eng. Schließlich kann ich nicht immer den Gärtner, Klempner, Bügler oder Fensterputzer nach Hause schicken, nur weil meine Haushaltshilfe heute wieder mal nicht gekommen ist. Was aber wenn der Jugendfreund zu Besuch kommt und der Ehemann kurzfristig auf Geschäftsreise muss? Das gibt zumindest Anlass zu Gesprächsstoff. Auch das Verhältnis zum Tennis-, Reit- oder Golflehrer, zum Fahrer ebenfalls gilt es zu überprüfen: Ist es zu eng, dann kommen schnell Gerüchte auf.

Also bei jedem Schritt nicht vergessen: Kairo ist ein Dorf. Und in einem Dorf verbreiten sich Nachrichten bekanntlich schnell.

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