Literatur zwischen den Kulturen - Zum Roman "Die Landkarte der Liebe" von Ahdaf Soueif

von Dr. Siegfried Steinmann

Literatur, die die Begegnung mit kultureller Fremde zu ihrem Thema macht, die ihren Erzählraum in die Fremde verlegt und ihre Figuren dort besonderen Erlebnissen aussetzt, hat Tradition. Die Darstellung der subjektiven Verarbeitung und Umdeutung der arabischen Fremde, ihre Funktionalisierung im Hinblick auf die eigene Identität, ist, was die letzten Jahrzehnte angeht, unter anderen mit bekannten Namen wie Elias Canetti (Die Stimmen von Marrakesch) und Ingeborg Bachmann (Franza) verbunden. In jüngerer Zeit ist eine verstärkte Tendenz in diese Richtung zu beobachten: immer häufiger thematisieren deutschsprachige Erzähltexte den Konflikt zwischen Eigenem und Fremdem im arabischen Raum.

Darüber hinaus steht eine weiteres literarisches Phänomen zunehmend im Mittelpunkt des Interesses (und in Buchform an prominenter Stelle auf dem Ladentisch): Texte von Autoren, die das Leben zwischen den Kulturen am eigenen Leib und an eigener Seele erfahren haben, ihre Identität auf diese Erfahrung gründen und die Durchdringung zweier Sprachen und Kulturen in ihre Erzähltexte verweben, so dass diese selbst zu etwas werden, was man "hybride Literatur" nennt. "Hybrid", als Eigenschaftsbezeichnung für ein "Zwitterwesen" (in der Sprachwissenschaft auch für ein Wort mit Herkunft aus zwei verschiedenen Sprachen verwendet), bezeichnet dabei nicht generell die Thematik des Fremden in einem literarischen Text, sondern dessen spezifisches, genuin zwischensprachliches und interkulturelles Text- und Sinngewebe. In der deutschsprachigen Literaturszene sind inzwischen zahlreiche Autoren aus dem arabischsprachigen Raum bekannt geworden, die in deutscher Sprache schreiben; einer, auch dem breiteren Lesepublikum bekannt, ist sicherlich der aus Syrien stammende Rafik Schami, der zum Beispiel literarische Formen aus dem arabischen Traditionsbereich in deutscher Sprache neu "erfindet".

Zu unterscheiden ist die hybride Literatur von den eingangs erwähnten literarischen Texten, die Fremderfahrung aus der Perspektive des europäischen Eigenen zum Thema in der Darstellung der Identitätssuche ihrer Figuren machen und damit zumeist im Monoperspektivischen verharren. Unter diese Kategorie zu rechnen sind auch die vor kurzem in dieser Zeitschrift vorgestellten literarischen Texte von deutschsprachigen Autoren, die die Faszination des Fremden am Beispiel Kairos darstellen. Die literarische Funktion der monoperspektivischen Gestaltung der Fremde - Kairo aus dem Blickwinkel des mit den eigenen Zuständen unzufriedenen Europäers - besteht dort vor allem in der Vergewisserung des Selbst in seinen Möglichkeiten, deren Grenzen am Fremden und in der Fremde erprobt werden. Es geht also primär gar nicht um Kairo in diesen Texten, es geht um das Verschieben von Bedeutungszuweisungen innerhalb des eigenen Existenzraums, der nur scheinbar erweitert wird. Eine Überschreitung der Grenzen zum Fremden gelingt lediglich in der Vorstellung des erzählenden Subjekts. Dabei bleibt die reale Fremde letztlich austauschbar: nicht Kairo als konkreter historisch-geographisch zu bestimmender Ort in der Realität steht im Zentrum des erzählerischen Anliegens, sondern seine Funktion als Ort der Fremderfahrung, der auch ein anderer sein könnte.

In einem literarischen Text, der sich quasi "zwischen den Kulturen" bewegt, gerät der Blick auf Kairo ganz anders. Hier richtet er sich innerhalb der Grenzen des Eigenen auf die Stadt, und ist doch zugleich ein fremder Blick, der sich aus einer anderen kulturellen und sprachlichen Identität heraus ergibt. Ein doppelter Blick, eine doppelte Perspektive also, die Fremdes und Eigenes nicht nebeneinander stellt, sondern beides ineinander verwebt und so ein hybrides Gebilde entstehen lässt. Ein solcher Text liegt vor mit dem Roman von Ahdaf Soueif.

Die ägyptische Autorin Ahdaf Soueif schreibt auf Englisch; der Roman liegt auch in einer arabischen Übersetzung vor, die im Jahr 2000 erschienen ist. Der Titel ist wörtlich übertragen; das gilt auch für die 2001 erschienene deutsche Übersetzung: Die Landkarte der Liebe. Der Titel ist beziehungsreich, spiegelt er doch die geographische, politische wie romantische Dimension der Geschichte wieder, die in diesem Roman dargestellt wird. Und Geschichte ist hier in beiden Bedeutungen zu verstehen: einmal als Geschichte einer Liebe zwischen einer Engländerin und einem Ägypter zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zum anderen als die jüngere Geschichte Ägyptens, die vom oft schmerzlichen und blutigen Umgang mit dem Fremden geprägt ist. Die Fremdheit der Anschauungen anderer wird dabei von der Autorin auf mehreren Ebenen verdeutlicht: einmal anhand von Figuren eines Künstler- und Intellektuellenzirkels im heutigen Kairo, an deren kontroversen Diskussionen zur gegenwärtigen Politik, zur wirtschaftlichen Entwicklung und zum Einfluss islamistischer Gedankeninhalte die Hauptfigur Amal teilnimmt. Zum anderen, und hauptsächlich, durch die Aufarbeitung der Familiengeschichte Amals, die sich mehr und mehr zur Aufarbeitung der jüngsten Geschichte Ägyptens in der Endphase des Kolonialismus auswächst. Und zum Dritten durch die persönlich-emotionale Verstrickung der Familie, wie auch der Hauptfigur selbst, in die transkulturellen Konflikte zwischen traditionellen und so genannten fortschrittlichen Mentalitäten, wie sie sich nicht nur zwischen Ägypten und England Anfang des 20. Jahrhunderts ereignen, sondern wie sie auch die gegenwärtige ägyptische Gesellschaft prägen.

Neben der inhaltlichen Gestaltung trägt die multiperspektivische Struktur des Romans dazu bei, das Selbst am fremden Ort in seiner Heterogenität zu entwerfen. In vielfachen Brechungen und aus wechselnder Perspektive wird die Geschichte der beiden Liebenden Anna und Sharif anhand von überlieferten Papieren, Tagebüchern und öffentlichen Dokumenten rekonstruiert. Die in weiten Teilen des Romans erzählende Figur Amal tritt dabei zeitweise in den Hintergrund und lässt die junge Anna in ihren Tagebüchern und Briefen nach England von ihrem Leben im fremden Kairo Anfang des 20. Jahrhunderts berichten. Die zunehmende Identifizierung Amals mit Anna gründet auf den eigenen Erfahrungen in der Gegenwart: Amal ist nach langen Jahren in England nach Kairo zurückgekehrt und findet in den Beschreibungen Annas eher ihre Heimat wieder als im gegenwärtigen Kairo.

"Ich finde nicht, dass ich in einer Zeitkapsel lebe, aber ich gestehe, dass es mir leichter fällt, mit den Ereignissen von vor hundert Jahren umzugehen als mit den Umständen, unter denen wir heute leben. Und wenn ich meine Gedanken zurückwandern lasse, wandern sie zu Anna." (210)

Nur in Andeutungen verweist die Hauptfigur Amal auf ihre verlorenen Illusionen eines glücklichen Lebens fern der Heimat, in England, das einmal zur zweiten Heimat zu werden versprach. Die Rückkehr ins "Eigene", nach Ägypten, nach Kairo ist aber zunächst ebenso wenig eine Rückkehr in Heimat: Amal fühlt sich in ihrem Land nicht mehr zu Hause, hat Mühe, dort anzuknüpfen, wo die Zeit unauslöschliche Veränderungen vorgenommen hat. Heimat entdeckt Amal fortan in der Rekonstruktion einer Geschichte - der Geschichte von Anna und Sharif und deren Kampf um Freiheit und Aufklärung - sowie in der Erkenntnis, dass sie damit ihre eigene Geschichte neu entwirft. Wie für die vor hundert Jahren nach Ägypten aufbrechende Anna ist Kairo zunächst auch für die heimgekehrte, kulturell entwurzelte Amal fremd. Deshalb verschließt sie sich in ihrem Zimmer und lebt ganz in den Tagebüchern Annas:

"Und so kommt Anna in Ägypten an (…) Ich stelle fest, dass ich neugierig bin, wie ich es bei einem ausländischen Freund wäre, der zu Besuch kommt: Ich frage mich, was sie von Ägypten halten wird, wie viel sie sehen - tatsächlich sehen wird. Und ich wünschte, ich wäre dort, um sie willkommen zu heißen, sie aufzunehmen, sie herumzuführen. Sie herumzuführen? Ich, die ich mich mehr oder weniger unter Hausarrest gestellt habe, mich vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer und in die Küche bewege - und die Zimmer meiner Kinder meide. Ärgerlich über die Stadt, über das Land, in das ich zurückgekehrt bin, um festzustellen, dass sich soviel verändert hat." (59)

Doch wird Kairo in der Folge zu einem Ort, den Amal mit den Augen der jungen Engländerin Anna und über deren Fremderfahrung neu sehen lernt. Das geduldige, neugierige und schließlich begierige Verstehen wollen Annas überträgt sich auf Amal: sie erobert sich den fremden Ort, der einst ihre Heimat war, nach und nach zurück, akzeptiert und lernt verstehen, dass er durch die Zeit anders geworden ist. Fremderfahrung erhält in diesem Roman also einen doppelten Status: sie ist geographisch wie historisch begründet - und damit konkret und einmalig.

Ahdaf Soueif gelingt die Darstellung Kairos und Ägyptens als fremder und als eigener Ort zugleich. Kairo wird bei ihr zu einem Raum für Geschichte, die nicht ihre eigene war, aber ihre eigene hätte sein können. Gleichzeitig erhellt die Diskussion der politisch-sozialen Zustände, Möglichkeiten und Chancen Ägyptens seit Beginn des 20. Jahrhunderts - die Zerrissenheit reflektierend zwischen traditionellem, rückständigem, repressivem, fremdem und reformerischem Gedankengut - den innerkulturellen Konflikt in einer Gesellschaft, die bis heute mit großen transkulturellen Einflüssen fertig werden muss. Die kulturelle Entwurzelung der Figuren fügt sich in diese Geschichte. Die Unmöglichkeit des Beharrens auf der einen kulturellen Identität wird jedoch angenommen als Chance, die eigene Geschichte voranzutreiben - und zwar als Beispiel für das Engagement und den Kampf in einer kulturellen Gemeinschaft, die durch Entfremdung und Heterogenität geprägt ist.

Die in Ahdaf Soueifs Roman zu Tage tretende Perspektivenvielfalt in der Gestaltung des zugleich fremden wie eigenen Ortes Kairo ist durch eine authentische Position des Dazwischen legitimiert. Geographie, Geschichte und Biographie stehen in enger Beziehung zueinander. Anders als bei den erwähnten monoperspektivischen Texten deutschsprachiger Autoren ist diese Beziehung allerdings zuallererst eine konkret erfahrene, nicht lediglich eine imaginierte und konstruierte. Die Ästhetisierung der zeitlichen wie räumlichen Distanz zu einem erinnerten Geborgensein im Eigenen ist bei Soueif nicht auf ein zufälliges Fremdes projiziert, sondern reflektiert eine eigene kulturelle Hybridität, die dem konkreten Ort entspringt. Kairo ist hier nicht ersetzbar durch eine andere Größe, sondern der eine, einzig mögliche Ort für einen neuen, illusionslosen Lebensentwurf, der die Entfremdung vom Eigenen als Chance begreift.


Bibliographische Angabe:
Ahdaf Soueif: "Die Landkarte der Liebe", Wien 2001 (Kremayr & Scheriau).
Originalausgabe: "The Map of Love", London 1999 (Bloomsbury).

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