Brücken: Eine Nachlese zur Frankfurter Buchmesse
von Petra Post
Die Frankfurter Buchmesse im Oktober 2002 war wie immer ein viel beachtetes Ereignis, geprägt von Medienrummel, Selbstdarstellungsgebaren bestimmter AutorInnen, Verlegergejammere ob der ach so schlechten Konjunktur, aber auch dem Versuch, ernsthaft miteinander zu diskutieren, sprich unter dem Motto "Kulturelle Identität als kulturelle Herausforderung" als Teil des neuen Themenschwerpunkts: "Bridges for a World Divided" Brücken zu schlagen und zur Verständigung vor allem zwischen Ost und West beizutragen.
Zu den Veranstaltungen der "Bridges" zählten Podiumsdiskussionen u.a. zu den Themen: "Bücher nur für Gläubige? Verlegen in islamischen Kontexten - der Sachbuchmarkt und die Belletristik", "Rushdie und kein Ende? Iranische Literatur heute", "West-östlicher Seiltanz? Literatur aus dem arabischen Raum. Ein Überblick" und "Vom Mythos der Rückständigkeit islamischer Weltanschauung". Auf Grund der Vielfalt des täglichen Angebots auf der Messe seien hier drei Veranstaltungen, die sich mit dem arabischen Raum bzw. Nordafrika beschäftigen, herausgegriffen und näher beleuchtet.
Zunächst: "Panberberismus": Moderner Mythos oder kulturelle
und politische Realität in Nordafrika?" Unter der Moderation von Claudia
Sautter (hr2, Frankfurt) diskutierten Assia Djerbar (Autorin, Algier/New York),
Omar Mounir (Autor und Journalist, Marokko/Prag), Tassadit Yacine (Anthropologin
und Berberologin, Paris) und Selim Zenia (Lyriker, Autor und Journalist, Algier).
Es sollte um die Frage gehen: Panberberismus - Alltagsmythos und touristisch-folkloristisches
Phänomen oder Ausdruck von grenzüberschreitender und einigender Identität?
Tatsächlich drehte sich die Diskusssion um die verschiedenen Gruppen von
Berbern, die 1980 im so genannten "Frühling der Berber" forderten,
dass ihre Sprache, das Tamazight, gegenüber dem Arabischen und Französischen
gleichberechtigt sein sollte. Bei dieser Veranstaltung, die offenbar nur einige
Wenige interessierte, war das Thema der Verständigung und des Miteinander
nicht besonders offenkundig.
Unter dem Titel "Literarische Delikatessen aus Palästina" las
der Frankfurter Schauspieler und Regisseur Jochen Nix - in Abwesenheit des Autors
- eindrucksvolle, nachdenklich stimmende und bestürzende Passagen aus Machmud
Darwischs "Gedächtnis für das Vergessen". Der poetische,
aber auch zynische Roman spielt an einem Tag im Bombenhagel von Beirut, in jenem
verhängnisvollen August 1982. In einer Textstelle reflektiert der Protagonist
über "Kaffee", der zum Inbegriff all dessen wird, was für
ihn Zivilisation ausmacht. Nicht zuletzt der einfühlsamen Art des Sprechers
war es zu verdanken, dass das - leider spärliche - Publikum gebannt zuhörte.
Die Moderation hatte die Literaturübersetzerin Jutta Himmelreich.
Unser dritter Besuch galt einer Podiumsdiskussion zum Thema: "Literarische Visionen in einer geteilten Welt: Arabischer Raum". Hier moderierte George Khoury von der Deutschen Welle (Palästina/Köln) wie gewohnt souverän. Die DiskussionsteilnehmerInnen waren: Gamal al-Ghitani (Autor und Journalist, Kairo), Mona Yahia (Künstlerin und Autorin, Tel Aviv/Köln), Miral al-Tahawi (Autorin und Literaturwissenschaftlerin, Kairo) sowie Vénus Khoury-Ghata (Autorin und Lyrikerin, Libanon/Paris). Es ging um die Frage, ob Literatur die Menschen einander näher bringt und ob sie in einer Zeit der Globalisierung ein Wegweiser zu einer friedlicheren und gerechteren Welt sein kann. Während Gamal al-Ghitani die Meinung vertrat, Schriftsteller sollten über die Grenzen zwischen Ost und West hinweg schreiben, und hinzufügte, Literatur sei das wichtigste Element zur Annäherung, meinte Miral al-Tahawi, dass es bisher kaum Brücken über die zwischen Ost und West existierende Kluft gebe und dass das Verhältnis durch große Missverständnisse geprägt sei. Literaturübersetzungen könnten ihrer Ansicht nach zu einer Annäherung beitragen. Mona Yahia, die im Irak aufgewachsen ist, aber seit 20 Jahren in Deutschland lebt und auf Englisch schreibt, wies darauf hin, dass nicht nur ein Okzident und ein Orient existiert. Können wir uns nun gegenseitig ergänzen oder nicht? Vénus Khoury-Ghata, die früher im Libanon lebte, inzwischen aber schon seit dreißig Jahren in Frankreich ansässig ist und auch in der Landessprache schreibt, baut auf Übersetzungen und betrachtet Deutschland in dieser Hinsicht als vorbildhaft. Mona Yahia betonte, dass als Beitrag zur Völkerverständigung mehr arabische Bücher übersetzt werden sollten. Gamal al-Ghitani, der auf Arabisch schreibt, beklagte den Kulturkampf, der vom Westen ausgehe, sowie den westlichen Imperialismus, aber auch die arabische Rückständigkeit und plädierte für mehr Interaktion. Miral al-Tahawi berichtete von ihren Erlebnissen in den USA nach dem 11. September 2001, als sie sich nur als Opfer empfand und das Gefühl hatte, sich verleugnen zu müssen. Anschließend zersplitterte der Dialog in einzelne Monologe, und der Moderator hatte Mühe, auf das Diskussionsthema zurückzukommen. Insgesamt also wenig Neues, zumindest nicht für im Nahen Osten Lebende oder an dieser Region Interessierte. Aber vielleicht hat der Eine oder die Andere der Zuhörenden doch einen Denkanstoß bekommen. Trotz der Übermacht der anglo-amerikanischen Verlage und ihrer Titel fand der arabische Raum aber nicht nur im internationalen Zentrum Beachtung, sondern auch in den gut besuchten Lesungen unter dem Motto: "Das blaue Sofa"*, wo beispielsweise Assia Djebar ihren neuen Roman "Oran - Algerische Nacht" vorstellte, oder einem Pressegespräch mit Rafik Schami zu seinem kürzlich erschienenen Buch: "Mit fremden Augen".
Resümee: Bei einem Ereignis wie der Frankfurter Buchmesse mit ihrem vielfältigen, ja oft unüberschaubaren Angebot ist es schwer, für einzelne Veranstaltungen ZuhörerInnen anzulocken, weshalb manche der Podiumsdiskussionen und Lesungen zum Thema "Bridges" weniger Anklang fanden, als sie verdient hätten. Andere wiederum waren vielleicht etwas zu speziell, um ein größeres Publikum anzuziehen. Trotzdem sei den Initiatoren dieses Schwerpunkthemas gedankt. Veranstaltungen dieser Art sind begrüßenswert und sinnvoll, da sie ein Forum für den gegenseitigen Austausch bieten und letztendlich zur (Völker)verständigung beitragen - vor allem, da es selbst in den Diskussionsrunden teilweise so schien, als sei es zu einem echten Dialog noch ein weiter Weg.
Nach Litauen wird Russland im Jahr 2003 Themenschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse. Es wäre zu hoffen, dass mit Ägypten vielleicht im darauf folgenden Jahr einmal ein arabisches Land Chance bekäme, sich vorzustellen!
Nun noch einige Literaturtipps zum näheren Kennenlernen der oben erwähnten AutorInnen:
Machmud Darwisch: "Ein Gedächtnis für das Vergessen". Aus
dem Arabischen von Kristina Stock, Lenos-Verlag, Basel 2001, 211 Seiten, 19,80
EUR.
Assia Djebar: "Oran - Algerische Nacht". Aus dem Französischen
von Beate Thill, Unionsverlag, Zürich 2001, 315 Seiten, 19,43 EUR.
Gamal al-Ghitani: "Das Buch der Schicksale", Erzählungen, aus
dem Arabischen von Doris Kilias. C.H. Beck Verlag, München 2001, 406 Seiten,
24,54 EUR.
Rafik Schami: "Mit fremden Augen", Tagebuch über den 11. September,
den Palästinakonflikt und die arabische Welt. Palmyra-Verlag, Heidelberg
2002, 152 Seiten, 19,90 EUR.
Miral al-Tahawi: "Die blaue Aubergine". Aus dem Arabischen von Doris
Kilias. Unionsverlag, Zürich 2002, 186 Seiten, 14,80 EUR.
Mona Yahia: "Durch Bagdad fließt ein dunkler Strom". Aus dem
Englischen von Susanne Aeckerle, Eichborn-Verlag, Frankfurt/M. 2002, 426 Seiten,
22,00 EUR.
Vénus Khoury-Ghata: "Die Verlobten vom Kap Ténès".
Aus dem Französischen von Sigrid Köppen. Droemer/Knaur 2000, 285 Seiten,
7,90 EUR.
(Bitte beachten Sie, dass es sich bei diesen Titeln entweder um das einzige oder aber neueste Werk der betreffenden Person handelt.)
Hinweis: Papyrus berichtete in den Ausgaben 3-4/2000, 3-4/2001 und 3-4/2002 ausführlich über die Kairoer Buchmesse. Heft 3-4/2000 beschäftigt sich außerdem mit der Frankfurter Buchmesse und geht auf die guten Beziehungen zwischen beiden Messen ein.