Wundersamer Arztbesuch
von Wolfgang Engelhorn
Wer noch nie das Vergnügen hatte, in Ägypten einen praktizierenden
Arzt aufsuchen zu wollen, den beglückwünsche ich wegen seiner robusten
Gesundheit, aber ich bedauere ihn auch, weil ihm einfach eine wesentliche Erfahrung
ägyptischen Lebens wie das fehlende Steinchen im Mosaik unauffindbar bleiben
wird. Versorgt mit der Adresse, dem Stadtteil und dem vorangegangenen Telefonat
mit der Hilfskraft des Facharztes machte ich mich auf den Weg, wohlwissend,
dass man vor 21 Uhr tunlichst nicht in einer Arztpraxis auftauchen sollte, da
diese bis zu diesem Zeitpunkt ohne den Arzt verwaist sein würde. In Manial
war ich gleich, denn einer der Vorzüge des Ramadan ist, dass der Verkehr
bis gegen 21 Uhr als eher beschaulich zu bezeichnen ist.
Nun der erste ernsthafte Fehler meinerseits: Ich fragte einen Polizisten nach der Sharraf-Straße und hilfsbereit, wie nun mal alle Ägypter sind, rief er einen seiner Kollegen zu Hilfe. Gemeinsam und inmitten der Kreuzung wurde mir erklärt und ein Zurücksetzen meines Wagens gestattet und schon war ich in der richtigen Straße! Nun nur noch geradeaus, die Hausnummern aus dem Auto erspähend und in der Hoffnung, baldmöglichst wieder zu Hause zu sein, ging es immer weiter, denn die Straße hatte eine erhebliche Länge und die im Weiteren befragten Ladenbesitzer oder Fußgänger verwiesen mich immer weiter. Als sportliche Natur stellte ich also das Auto ab und wollte zu Fuß bis zur Praxis finden. Verdeckte Hausnummernschilder konnten von mir identifiziert werden, denn ich war ja nun als Kind bei den Pfadfindern gewesen und auch das arabische Zahlensystem ist mir nicht fremd. Nun noch über die belebte Kreuzung hinüber gerannt (fast wie die Dokki Straße!) und nach 100 Metern nochmals gefragt, weil plötzlich die Straße Manial-Straße hieß. Aber das kennt man ja auch aus Deutschland, wo aus der Blücher-Straße plötzlich die Willy-Brand-Allee wird, ohne dass die alten Schilder wegen des Verwaltungsstresses sofort umgetauscht werden können. Das entrüstete zischlauthafte "Nnnhh" verwies mich zurück auf die andere Seite der belebten und gerade überlebten Straße und tatsächlich die Straße wurde erneut lebend bezwungen!
In der Pharmacy konnte mir dann die versammelte Belegschaft erklären, dass die nächste Querstraße hinter der belebten Straße (Oh Gott, o Gott noch mal da rüber) die richtige sei! Und tatsächlich - die Straße hieß so ähnlich und es gab eine Nummer 6! Aber keinen Arzt! Zwei freundliche Männer erklärten mir hilfsbereit, dass es dort niemanden, der so ähnlich heiße, gebe und meinten, dass ich doch mit meinem Handy schnell nochmals in der Praxis anrufen sollte. Jetzt hätte sich wirklich ein Handy gelohnt, aber ich habe keins! Schnell im nächsten Krämerladen eine Telefonkarte gekauft und schon hatte ich den freundlichen und zudem Deutsch sprechenden Arzt - der sich zudem als ehemaliger Absolvent der DEO herausstellte - an der Strippe! Ich war ja nun ganz falsch! Sharraf ist nicht gleich Sherif-Straße, doch uns Ausländern traut man ja keine korrekte Aussprache zu! Seiner Erklärung lauschte ich gespannt und ich entnahm ihr, dass die Praxis hinter dem Manialpalast sein müsse! Also wieder über diese jetzt noch stärker befahrene Straße um mein Leben gerannt (El hamdullilah!) und flugs den halben Kilometer zurück zum Auto marschiert, eilig bis zum Manial gefahren und hinter der Palastmauer einen neuen Versuch unternommen.
Ein freundlicher Boab verwies mich zur nächsten Straße und als ich nun einen erleuchteten Eingang erblickte, dachte ich doch tatsächlich, mein Glück sei vollkommen! Ich sah mich schon von dem freundlichen Assistenten mit einem Glas Karkarde in der Hand begrüßt und hoffte nur auf nicht allzu lange Wartezeit, schließlich hatte ich ja wirklich Ausdauer bewiesen! Es gab zwar kein Schild am Haus, aber der Arzt hatte gesagt, dass es nur ein Hinweisschild in Arabisch am Anfang der Straße geben würde. Ich klingelte mutig und da kam auch schon jemand! Eine Frau verwies mich auf mein Unterfangen, nach dem Arzt zu fragen, einen Moment zu warten, wischte sich den Mund ab und rief in den angrenzenden Raum. Ich war also falsch! Es erschien ein wohlproportioniertes Mannsbild, dem ich meine Hilflosigkeit anscheinend deutlich machen konnte, denn es zauberte sofort ein Handy aus der Hosentasche, bat um die Nummer und schon parlierte er los! Hoffentlich konnte er mir nun den Weg erklären, denn es ging ja schon auf 22.30 Uhr zu! Er hatte alles verstanden und sagte nur: "One minute!", holte aus den abgrundtiefen Taschen seiner Hose einen Schlüssel und forderte mich auf, in sein Auto zu steigen! Jetzt war ich baff! Konnte ich seine Hilfsbereitschaft ablehnen? Konnte ich ihm, dem überaus Zuvorkommenden, ein: "Nein, Danke!" entgegensetzen? Auch auf die Chance, später mit dem Taxi dorthin zurückfahren zu müssen, stieg ich also ein. Er wendete, schnaufte kurzatmig und fuhr - ohne Licht - auf sein Ziel los! Sollte ich ihn darauf aufmerksam machen, dass er verbotswidrig über eine Kreuzung fuhr, so wie ich das vor einigen Tagen bei einer Dame am Midan Messaha getan hatte, die gegen die eindeutig verbotene Fahrtrichtung gefahren war, mich dabei fast umgefahren hätte und mir ein verächtliches und sicher durch die kurz bevorstehende Iftar-Zeit bedingtes "Malesch" hinterher warf? Nein, ich schwieg, genoss die Fahrt und verstand nun auch, warum so viele Autoinsassen - nicht nur im Ramadan - Gebete murmeln oder aus dem Koran lesen!
Noch einmal kurz an der nächsten Straßenecke gefragt und schon stand
ich vor der Praxis. Ich bedankte mich vielmals für diese nette Hilfe und
huschte in die Praxis. Der Assistent bedeutete mir zu warten, so dass ich mich
verschnaufen und das Wartezimmer eingehend betrachten konnte.. Fast alle Stühle
waren belegt und das obligate Fernsehprogramm mit einer dieser amüsanten
ägyptischen Soaps lief gerade. Auf der einen Seite saßen die Damen
- meist eine matronenhafte Mama mit ihrer zart verhüllten Tochter, doch
auf der anderen Seite die "Mannsleute". Auffallend war ein älterer
Mann, stattlich, groß und durch die Bekleidung eindeutig ein Saidi. Sein
Sohn brachte gerade drei Flaschen Softdrinks. Mein stattlicher Saidi setzte,
nachdem man sich darauf geeinigt hatte, wer welche Flasche bekommen sollte,
die seine genüsslich an die Lippen, trank verklärten Blickes den halben
Inhalt aus, setzte die Flasche ab und ließ einen herzhaften Rülpser
verlauten.
Irritiert, aber um Diskretion bemüht, wartete ich, wie er sich aus dieser
peinlichen Situation retten würde. Keine Reaktion! Es schmeckte ihm, denn
er setzte erneut an, trank den Rest aus, rülpste erneut, noch befriedigter
und stellte die Flasche ab. Hatte außer mir niemand diesen Vorfall bemerkt?
Niemand! Alle waren bei der Soap und der freundliche Assistent studierte den
Koran! Just in diesem Augenblick wurden Vater, Sohn und anscheinend Schwiegertochter
in den Behandlungsraum gebeten - und schon gab es genügend Platz für
weitere Patienten. Ich "versann" mich, denn ich hatte meine letzte
Deutschstunde noch im Kopf, "dachte bein mit beine"an Luther, der
doch so treffend gefragt hatte: "Warum rülpset und furzet ihr nicht?
Hat es euch nicht geschmacket?" An den alten Geistesgrößen ist
doch Wahrhaftes!
Nach weiterer kurzer Wartezeit wurde ich vorgelassen, kompetent beraten und behandelt. Auf dem Nachhauseweg gegen 24 Uhr (nachdem ich mein Auto wieder zu Fuß erreicht hatte) musste ich trotz Ermüdung lächeln. Wie langweilig wäre ein Besuch in Deutschland bei einem Arzt gewesen! Kein Abenteuer, kein Irrweg durch Kairo, keine lebensbedrohenden Straßenüberquerungen, kein rülpsender Saidi, keine rührende Hilfsbereitschaft, sondern nur mürrische Patienten und überquellende Wartezimmer bei stundenlanger Warterei! NEIN, DANKE!