Ein Gigant feiert Geburtstag: 100 Jahre Ägyptisches Museum Kairo

von Edith Brielbeck und Petra Post


Vom 9. bis 12. Dezember ist der Garten rund um das Ägyptische Museum in eine Festwiese verwandelt. Die hohen schmiedeeisernen Tore erhalten noch in letzter Minute eine frische Schicht Blattgold. Das Gebäude erstrahlt nun im neuen ockerfarbenen Anstrich und ein riesiges, rotes Festzelt mit Platz für mehrere hundert Gäste steht neben dem Museum. Der mit Blumengirlanden geschmückte Weg vom Eingangstor zum Zelt wird an den letzten beiden Tagen der Veranstaltung gesäumt von Wächtern in historischen Uniformen aus der Gründungszeit des Museums, dessen feierliche Einweihung am 15.November 1902 stattfand. Aus Rücksicht auf den Ramadan finden die Feierlichkeiten dieses Jahr nicht exakt zum Jahrestag der Einweihung statt, sondern wurden um drei Wochen verschoben. Dennoch laufen die Vorbereitungen bis zur letzten Minute auf Hochtouren. Während bereits an den ersten beiden Tagen die Tagung "Museology in the 21st Century" stattfindet, werden noch die letzen Vitrinen für die Sonderausstellung in den eigens dafür vorbereiteten Kellerräumen des Museums aufgestellt und bestückt. Arbeiter laufen mit geschulterten Statuen vorbei und es herrscht Aufbruchstimmung.

Der Aufbruch ins 21. Jahrhundert wird für das aus allen Nähten platzende Museum zu einem großen Umbruch. Sein Bestand soll aufgeteilt werden, wie Dr. Zahi Hawass, der Generalsekretär der Ägyptischen Altertümerverwaltung SCA (Supreme Council of Antiquities) dem Publikum mitteilte: für das bereits vor neun Monaten gegründete neue Grand Egyptian Museum am Giza-Plateau sind bereits aus 1700 Einsendungen des Architektenwettbewerbs 20 Projekte in die nähere Auswahl aufgerückt. Fundraisingkonzepte für die geschätzten 450 Mio Dollar Baukosten laufen auf Hochtouren. Dort wird Tut-Anch-Amuns Grabausstattung einen neuen Standort finden. Die "masterpieces of art", wie z.B. der Dorfschulze verbleiben im alten Bau, und die Mumien sollen nach Fustat verlagert werden. Auch für Sharm-el-Sheik gibt es Museumspläne.

Das heutige Museum hatte aber auch Vorläufer: bereits in der Regierungszeit Mohamed Alis war im Jahr 1835 "Le Service des Antiquités de l'Egypt", der Ägyptische Antikendienst gegründet worden und die Kunstschätze wurden im Ezbekieh-Museum gesammelt. Damals war es keine Seltenheit, dass die Herrscher Ägyptens ihren Gästen königliche Geschenke machten. Der Obelisk, der heute die Place de la Concorde in Paris überragt, ist das bekannteste, weniger bekannt ist jedoch, dass 1854 Abbas I. die gesamte frühe Sammlung aus dem Ezbekieh Museum an den Erzherzog Maximilian von Österreich verschenkte.

Doch schon vier Jahre später, 1858, wurde ein neues Museum in Bulaq gegründet, das schon nach wenigen Jahren, in der Regierungszeit des Khediven Ismail, vergrößert werden musste. Im Jahre 1890 zogen die Kunstschätze ein weiteres Mal in den Palast des Khediven nach Giza um, bis sie dann im 1902 eingeweihten Ägyptischen Museum landeten.

Auguste Mariette (1821-1881) setzte sich besonders für ein Museum innerhalb Ägyptens ein und war der Begründer des Bulaq-Museums. Er wollte den hemmungslosen Abtransport ägyptischer Kulturdenkmäler und Mumien ins Ausland aufhalten, aber es galt auch, die Kunstschätze vor den Gefahren der rapiden Modernisierung und Industrialisierung Ägyptens durch die herrschenden Nachfolger Mohamed Alis zu schützen. Er selbst erlebte nicht mehr den Bau und die Einweihung des Ägyptischen Museums, er legte aber durch eigene Ausgrabungen und Konfiszierung der bei anderen Kampagnen ausgegrabenen Stücke den Grundstock der Sammlungen, und einige der schönsten Meisterwerke ägyptischer Kunst gehen auf seine Initiative zurück.

Sein Ehrengrab im Museumsgarten wäre wohl nach den Pyramiden das meistbesuchte Grab Ägyptens, wenn nicht die meisten Museumsgäste zielstrebig an ihm vorbei in die hohen Hallen des zweistöckigen Ausstellungsgebäudes strömten, aus dem sie nach Stunden überwältigt und zu erschöpft wieder auftauchen, um sich im Garten noch weiter umzusehen und die wenigen Schritte bis zu seinem Grabmal zu gelangen, das umrahmt ist von den Büsten der bekanntesten Ägyptologen und Archäologen.

Heute gelten andere Gesetze als damals, und Unikate dürfen auf keinen Fall mehr außer Landes gebracht werden. Zahi Hawass betont vor den versammelten Gästen, dass Ägypten in Zukunft in der ganzen Welt nach gestohlenen Kunstschätzen forschen und diese nach Ägypten zurückbringen werde. Er plant eine Sonderausstellung mit den bis zu 200 Stücken, die zurückerwartet werden und bittet alle anwesenden Ägyptologen, ihn bei dieser Aufgabe zu unterstützen. Alle Interviewpartner aus den namhaften Sammlungen der Welt, die ich während der Feier auf dieses Thema anspreche, sehen keine Probleme auf sich zukommen hinsichtlich einer Rückgabe gestohlener Kunstschätze. Kein Museum der Welt würde heutzutage noch Artefakte ankaufen, deren Herkunft nicht gesichert sei, betonte Dorothea Arnold vom Metropolitan Museum of Fine Arts in New York. Wilfried Seipel vom Kunsthistorischen Museum Wien ist der Meinung, dass sehr viele Schätze innerhalb Ägyptens dringender der Aufmerksamkeit bedürften, als dass Inspektoren in der ganzen Welt nach verschwundenen oder geraubten Artefakten Ausschau halten müssten. Schließlich dienten alle diese Schätze als Botschafter der einzigartigen ägyptischen Kultur, welche die Leute im Ausland neugierig machten, nach Ägypten zu reisen und mehr davon zu sehen, meint Regine Schulz vom Walters Art Museum Baltimore. Sie erwähnte auch die 1972 von den meisten Staaten anerkannte Vereinbarung (UNESCO Bestimmung,) nach der die Unterzeichner sich verpflichteten, gestohlenes Kulturgut an das Herkunftsland zurückzugeben. Für die Rückgabe weiter zurückliegenderer Beutestücke fehle jedoch die rechtliche Handhabe.

Höhepunkt der Hundertjahrfeier ist Mittwoch, der 11.12.2002. Als Ehrengäste erscheinen Frau Suzanne Mubarak und der Kulturminister Farouk Hosni. Sie streichen in ihren Festreden die herausragende Rolle, die das Ägyptische Museum in seiner 100jährigen Geschichte für das Entstehen eines nationalen Selbstbewusstseins gespielt hat heraus und ehren 17 Persönlichkeiten, deren Lebenswerk in besonderer Weise zum Gedeihen des Geburtstagskindes beigetragen hat. Vier von ihnen sind keine Ägypter, besonders die posthum geehrten Personen, die ganz am Anfang der Geschichte des Museums standen: Auguste Mariette, der Gründer des Bulaq-Museums, Gaston Maspero, der erste Direktor des Ägyptischen Museums und Marcel Dourgnon, der Architekt. Als nächstes folgen die ersten Ägypter, die jeweils Direktor (Mahmoud Hamza), Kurator (Ahmed Pasha Kamal), Generalsekretär der Altertümerverwaltung (Dr. Gamal Mokhtar) oder Restaurator (Ahmad Yousef) des Museums waren. Sodann folgen alle 5 Direktoren, die bis heute das Museum geleitet haben und schließlich einige Arbeiter. Als einzige Frau wird die französische Ägyptologin und Direktorin des Louvre Christiane Noblecourt geehrt.

Dieser Festakt wird in voller Länge im ägyptischen Fernsehen übertragen ebenso wie ein von National Geographics produzierter Film über Dr. Zahi Hawass, der die Zuschauer zu den wichtigsten Fundstätten ägyptischer Altertümer nach Giza und Luxor sowie in die Archivräume des Museums führt. Aus diesen Archiven sowie aus den Funden der neuesten Ausgrabungen setzt sich die Sonderausstellung "The Hidden Treasures of the Egyptian Museum" zusammen. In eigens dazu hergerichteten Kellerräumen mit Zugang auf der linken Seite des Museums kann sie ein Jahr lang ohne Aufpreis besichtigt werden. Ein Katalog ist bei AUC in englischer und arabischer Sprache erschienen.

Die Ausstellung ist sehr übersichtlich nach Fundgebieten gegliedert, wobei jedem Gebiet nur wenige Exponate zugeordnet wurden und jedes Gebiet kurz beschrieben wird. Besonders beeindruckend sind für mich die aus Hierakonpolis stammenden Funde: eine gespenstisch wirkende Maske aus Ton, ein filigraner, aus Flint hergestellter Steinbock sowie ein mit einer Palastfassade beschriftetes Steinmesser, das erste Messer dieser Art, das überhaupt beschriftet ist.

Auch die beiden restaurierten Kupferstatuen des Königs Pepi, über die Papyrus im Mai/Juni-Heft 2002 berichtete, ebenso wie der goldene Horusfalke aus Hierakonpolis, dessen in mehrere hundert kleine Partikel zerbröselter Kupferuntersatz wieder zusammengepuzzelt wurde, sind nun hier ausgestellt. Einige Mumien aus Bahariya, ein etwa handgroßer rötlicher Fisch aus Sakkara aus der Zeit Amenophis III, in den 90er Jahren von A.P-Zivie entdeckt, einige besonders lebendig wirkende Dienerfigürchen aus der 5.Dynastie in Giza gefunden, ein Schreiber, der bereits 1962 entdeckt worden war und noch viele Schätze mehr sind in dieser Ausstellung zu besichtigen. Sogar einige besonders schöne Schmuckstücke und Spielzeug von Tut-Anch-Amun haben die Schaukästen gewechselt und können hier zurzeit noch ohne Gedränge in klimatisierten und gut ausgeleuchteten Vitrinen bewundert werden. Staunen wird man auch über die Prothese eines großen Zehs, die sich noch am abgebrochenen Fuß einer Mumie befindet, und die sein Träger mit ins Grab nahm, um im Jenseits unversehrt zu sein.

Eine weitere Ausstellung zeigt alte Fotos und Drucke, die vor, während und kurz nach der Erbauung des Museums aufgenommen wurden. Baupläne, Verträge, Inventarlisten sowie die bei der Grundsteinlegung verwendeten silbernen Werkzeuge. Ein Photo zeigt z.B. den fertiggestellten aber noch leeren Bau von innen. Dies war in Ägypten das erste Gebäude, das bewusst zur Ausstellung und Aufbewahrung ägyptischer Kunstschätze erbaut wurde, während in vielen anderen Ländern die Sammlungen in ehemaligen königlichen Palästen untergebracht sind.

Direktor Mamdouh Eldamaty hatte illustre Gäste aus dem In- und Ausland eingeladen: Museumsdirektoren und Kuratoren aus den bekanntesten Instituten und Ägyptischen Sammlungen der Alten und Neuen Welt, wie Louvre (Christiane Ziegler), British Museum (Vivian Davies), Kunsthistorisches Museum Wien (Wilfried Seipel), Pelizaeus-Museum Hildesheim (Arne Eggebrecht), Turin (A.-M. Donadoni), Metropolitan Museum of Fine Arts New York (Dorothea Arnold), Boston (Rita Freed), Walters Art Museum Baltimore (Regine Schulz), Cairo University (Aly Radwan), Oslo (Saphinaz Amal Naguib). Sie alle reihen sich in den Kreis der Gratulanten ein und halten Vorträge, welche die von ihnen geleiteten Sammlungen und deren Beziehung zum Ägyptischen Museum thematisieren und die Einzigartigkeit des Ägyptischen Museums von Kairo herausstreichen. Arne Eggebrecht bringt es in seinem Vortrag auf den Punkt: "Es gibt viele Museen für ägyptische Kunst auf der ganzen Welt, aber nur ein Ägyptisches Museum. Und das steht in Kairo seit genau 100 Jahren."

Happy Birthday.

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